G8-Protest
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Information für Eltern, Schüler und Lehrer zur geplanten Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8)
Der Personalrat des Wirsberg-Gymnasiums

Entgegen anders lautender Aussagen vor der Wahl beabsichtigt die Bayerische Staatsregierung zum Schuljahr 2004/2005 das achtjährige Gymnasium (G8) verpflichtend einzuführen. Überraschend wurde in der letzten Novemberwoche auch bekannt gegeben, dass die G8-Regelung auch für die bereits 2003/04 eingeschulten Gymnasiasten (nachträglich!) gelten soll.
Damit Sie sich ein Bild von den möglichen Konsequenzen machen können, die sich aus dieser Entscheidung der Staatsregierung ergeben, haben wir Ihnen auf den folgenden Seiten einige in unseren Augen wesentliche Aspekte zusammengestellt:

Wie wird das G8 aussehen?
Laut Kultusministerium wird es genauere Auskünfte erst in einigen Wochen geben. Informationen für Schüler, die zum nächsten Jahr ans Gymnasium übertreten wollen bzw. als Fünftklässler bereits von der Regelung betroffen sein sollen, gibt es noch nicht. Dies verstärkt bedauerlicherweise den Eindruck, dass ein konkretes Konzept für die Reform des Gymnasiums fehlt. Genauso wenig gibt es ein Konzept, wie man im Jahr 2013 den doppelten Abiturientenjahrgang abfedern will, der in die Universitäten und auf den Arbeitsmarkt drängt.

Klar ist jedoch: Stoff und Stundenzahlen bleiben nicht gleich. Die Schüler des G8 müssen mit zwei bis vier Stunden zusätzlichem Unterricht - z.B. in Form von Intensivierungsstunden - rechnen. Künftig würden Fünftklässler bis zu 34 statt 30 Stunden Unterricht pro Woche erhalten, Zehntklässler 38 statt 34 Stunden. Das heißt, Unterricht an vermutlich mindestens zwei Nachmittagen ab der Klasse 5, denn: "Ohne Intensivierungsstunden ist das G8 nicht zu machen", so Kultusministerin Monika Hohlmeier 1.
Die Schule muss zudem berücksichtigen, dass Ausfall von Unterrichtsstunden in Kernfächern z. B. durch eine erkrankte Lehrkraft noch stärker als bisher den Lernfortschritt der Kinder beeinträchtigen wird.
Mit einer Verbesserung der Rahmenbedingungen in Form kleinerer Lerngruppen oder der Raumsituation ist definitiv nicht zu rechnen. Ungeklärt ist auch noch, wie sich die Ausweitung des Unterrichts auf die Nachmittage auf die ohnehin vielerorts schon angespannte Schulbussituation sowie auf die Verpflegung der Schüler in der Mittagspause auswirken wird.

Pädagogische Bedenken
Den Argumenten, dass Schüler in kürzerer Zeit mehr Wissen und Fertigkeiten als bisher vermittelt bekommen, ihr Abitur idealerweise ein Jahr eher erhalten und damit ein Jahr früher mit einem Auslandsaufenthalt, einem Praktikum, dem Studium oder einer Ausbildung beginnen können, stehen bedenkenswerte pädagogische Überlegungen gegenüber.

Aus Sicht der Lehrer sind die Schüler mit sechs Unterrichtsstunden am Vormittag und den bereits jetzt stattfindenden Nachmittagsstunden ausgelastet. Sie brauchen daneben Freiräume, in denen das erworbene Wissen sich setzen kann, in denen sie sich anderen, nichtschulischen Erlebnissen und Eindrücken öffnen können, um zur Ruhe zu kommen.

Es steht zu befürchten, dass die Kinder ihre Energie und Zeit komplett für die Schule aufbringen müssen und deshalb gezwungen sind, auf außerschulische Aktivitäten wie Vereinssport, Musikunterricht oder kirchliches und soziales Engagement in Zukunft zu verzichten.

Wie Erfahrungen aus einer G8-Klasse (Schulversuch Erding) belegen, müssen häufig die sogenannten Intensivierungsstunden zur regulären Stoffvermittlung genutzt werden, um das Stoffpensum zu bewältigen. Daneben berichten die in dieser Klasse eingesetzten Lehrer von "signifikant zu beobachtenden Konzentrationsstörungen" v.a. in den Unterrichtsstunden am Nachmittag und stellen zudem fest, dass die durchweg gymnasial voll geeigneten Schüler sich "am Limit ihrer Leistungsfähigkeit" befinden. "Wir gehen beim Qualitätsniveau nicht herunter", betont Frau Hohlmeier1, was zu der Frage führen muss, wie die Inhalte der neuen, für neun Jahre konzipierten Lehrpläne bei diesem Anspruch in acht Jahren umsetzbar sein sollen, wenn sich die oben angesprochenen ungünstigen Rahmenbedingungen nicht ändern. Die angekündigte Regelung widerspricht insbesondere auch dem Geist des in diesem Jahr eingeführten neuen Lehrplans, der moderne und für Schüler wie Lehrer zeitintensive Unterrichtsformen wie Projektarbeit und selbstständiges Lernen stärker fördern will. Unklar bleibt zudem, wie Themen, welche bei Schülern eine gewisse Reife, sprachliche Kompetenzen oder Abstraktionsfähigkeit voraussetzen, problemlos um ein Jahr vorgezogen werden können.
Somit ist zu befürchten, dass die steigende Belastung der Kinder und einseitige auf reine Wissensvermittlung ausgerichtete Lernziele zu einer noch stärkeren und früheren "Auslese" am Gymnasium und zu einem funktionalistischen Verständnis von Bildung führen!

Betroffen sind auch die Schüler des bisherigen Gymnasiums
Die angestrebten Neuerungen haben darüber hinaus auch Auswirkungen auf die Schüler des bisherigen Gymnasiums. So werden an unserer Schule von vielen Lehrkräften bereits seit Jahren über den normalen Unterricht hinausgehende Angebote für interessierte Schüler gemacht (z.B. in Form von Projekten, Theaterbesuchen, Austauschprogrammen, Schullandheimaufenthalten, Berlinfahrt, Video-AG, Theatergruppen, Chor, Orchester, Sportveranstaltungen und -kursen, Schulgarten usw.). Die meisten Kolleginnen und Kollegen hatten über Unterrichtsbelange hinaus ein offenes Ohr für die Schülerinnen und Schüler und nahmen sich für sie Zeit. Durch die im Rahmen der G8-Einführung geforderte enorme Mehrarbeit (unverhältnismäßige Erhöhung der Arbeitszeit um 2-3 Unterrichtsstunden/Woche bei zunehmend größeren Klassen) werden auch bisher motivierte und engagierte Lehrer ihr Engagement stark einschränken müssen. Qualitätseinbußen in der Zusammenarbeit mit Eltern und Schülern, längere Korrekturzeiten und eine Einschränkung des bisher vielfältigen Angebots an Aktivitäten könnten zwangsläufig die Folge sein.

Eine weitere kritische Stellungnahme zur Einführung des G8 können Sie auch dem Beitrag der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG. http://www.leb.bildung-rp.de/info/presse/2003/2003-11-21.htm (27.11.2003) entnehmen.

Die Sorgen der Lehrerinnen und Lehrer
Betroffen von den geplanten Neuerungen sind auch die Lehrkräfte am Gymnasium. Abgesehen von den pädagogischen Anliegen, welche die kritische Haltung zu den Plänen der Staatsregierung maßgeblich prägen, wollen wir auf die Tatsache aufmerksam machen, dass gleichzeitig eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Lehrer eintreten wird. Die vom Ministerpräsidenten und der Kultusministerin angekündigte Kürzung der Einkommen, verbunden mit einer Verlängerung der Wochenarbeitszeit (vgl. die Aussage von Frau Hohlmeier, dass auch Lehrer in Zukunft 40(!) Stunden arbeiten müssten), wird von uns als eine nicht zumutbare und nicht leistbare Mehrbelastung empfunden. Immerhin hat die vom Kultusministerium 1996/97 veröffentlichte Kienbaum-Studie Lehrern eine durchschnittliche Arbeitsbelastung von über 45,5 Wochenstunden selbst unter Einrechnung der über den Urlaub hinausgehenden Ferientage!! bescheinigt (vgl. auch Prof. Wolf Müller-Limmroth. Knight-Wegenstein-Studie. 1980). Zudem lässt sich aus den Äußerungen des Ministerpräsidenten und den Anmerkungen von Ministerin Hohlmeier ein Lehrerbild herauslesen, das alle gängigen populistischen Vorurteile unterstützt.

Während Ministerpräsident Stoiber noch im Juni 2003 laut Süddeutscher Zeitung betont hat "CSU wird am 13. Schuljahr festhalten.", erklärt er am 6.11.2003 in einer Regierungserklärung:

"(…) Das künftige achtjährige Gymnasium wird den gleichen Qualitätsstandard bieten wie das bisherige neunjährige Gymnasium. Moderne Unterrichtsmethoden, begabungsgerechte Förderung und Persönlichkeitsbildung werden auch weiterhin prägende Merkmale des bayerischen Gymnasiums sein. Die Umstellung wird ab dem Schuljahr 2004/2005 beginnen. Auch Schüler, die bereits am Gymnasium eingeschult sind, sollen die Möglichkeit der kürzeren Ausbildung haben. Die Modalitäten der Umstellung werden wir baldmöglichst entscheiden. (…)"

Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber am

Der Personalrat des Wirsberg-Gymnasiums

1 (Vgl. dazu http://www.csu.de/home/Display/Artikel/031107_Hohlmeier_2 (vom 27.11.2003) (Link funktioniert nicht, Anm.d.Red.)