G8-Protest
Offene Briefe und Musterbriefe
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Offener Brief an die Abgeordneten des Bayerischen Landtags, und an die Bayerische Staatsregierung

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Bayerischen Landtags,
sehr geehrte Bayerische Staatsregierung,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

Wir, der Elternbeirat als Vertreter der Elternschaft, der Personalrat, als gewählte Vertreter der Lehrer am Gymnasium und die SMV stellvertretend für die Schüler des Wirsberg - Gymnasiums Würzburg haben mit Bestürzung, Empörung und Unverständnis die Regierungserklärung von Ministerpräsident Stoiber vom 06.11.2003 zur Kenntnis genommen, in der die Einführung des G8 und die Erhöhung der Wochenarbeitszeit für Lehrer angekündigt wurde. Diese Erklärung steht im krassen Gegensatz zu den Aussagen, welche die Staatsregierung noch im Juli dieses Jahres über ihre Schul- und Personalpolitik gemacht hat. Wir fühlen uns daher nicht nur getäuscht, sondern wir sehen auch die pädagogischen Bemühungen untergraben, den Schülern Werte wie Verlässlichkeit und Aufrichtigkeit zu vermitteln.

1. Wir sind dagegen, die gymnasiale Schulzeit generell auf 8 Jahre zu verkürzen. Das G 9 in Bayern hat gezeigt, dass es Rahmenbedingungen bietet, welche den Schülern eine qualitativ hochwertige Allgemeine Hochschulreife ermöglichen. Sicherlich wird für einen kleinen Schülerkreis das G 8 günstigere Voraussetzungen bieten, um schneller ein Studium zu beginnen. Für alle anderen bringt das G 8 jedoch - unter den derzeitigen Vorzeichen - eine erhebliche Zunahme der Belastungen durch überfrachtete Lehrpläne und zunehmende Hausaufgaben. Dadurch sind indirekt auch die Eltern betroffen. Bereits jetzt sind die Grenzen der Belastbarkeit für alle Beteiligten überschritten.

Ein Konzept, das über 30 Unterrichtsstunden in den Unterklassen und mindestens 38 Unterrichtsstunden in der Oberstufe vorsieht, verhindert, dass Schüler den in der Schule vermittelten Stoff noch sinnvoll zu Hause einüben und vertiefen können. Ein solches Konzept widerspricht insbesondere auch dem Geist des in diesem Jahr eingeführten Lehrplans, der modere und zeitintensive Unterrichtsformen wie Projektarbeit und selbstständiges Lernen stärker fördern will. Ein solches Konzept droht noch stärker als bisher freiwilligen oder ergänzenden Unterricht aus der Schule zu verbannen, sei es im musischen, sprachlich- gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, sportlichen, sozialen oder kirchlichen Bereich.

In einer Mittel- oder Oberstufe mit mehrmaligem Pflichtunterricht am Nachmittag ist kaum noch Platz für Neigungsgruppen oder freiwilligen Unterricht sowie außerunterrichtliche Aktivitäten, die das Schulleben maßgeblich prägen! Es bleiben für uns folgende Fragen unbeantwortet:

  • Wie stellt sich die Bayerische Staatsregierung in Zukunft unsere Familien vor?
  • Wer finanziert die Mittagsbetreuung?
  • Wo bleibt die Kindheit, wenn Kinder so viel leisten sollen wie Erwachsene an einem vollen Arbeitstag?
  • Soll die Anzahl der Abiturienten deutlich verringert oder die Qualität des Abiturs abgesenkt werden?
  • Was passiert mit der vermutlich ansteigenden Zahl der Wiederholer und den hierdurch entstehenden Kosten?
  • Legt das nicht die Vermutung nahe, dass Kinder die Opfer einer Kosten-Nutzenrechnung sind?
  • Welche zwingenden Gründe sprechen sonst für das G8 außer ökonomischen? Wir sind nicht die Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft!

    2. Wir wenden uns gegen die permanente Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der Lehrer, für die neben zusätzlichem Unterricht und Präsenzpflicht an der Schule die Abschaffung der Altersermäßigung, die Minderung von Anrechnungsstunden und massive Kürzungen im Einkommen geplant sind. Wir fürchten insbesondere, dass bei zunehmender Arbeitsbelastung nicht nur die pädagogische Qualität des Unterrichts und der Korrekturen nachlassen muss, sondern dass auch das zumeist freiwillige Engagement vieler Lehrer, die Klassenfahrten oder Schulprojekte organisieren und betreuen, nicht mehr möglich sein wird. Weder den Schülern noch den Lehrern ist auf Dauer eine solch hohe Arbeitsbelastung zuzumuten.

    3. Wir fordern eine offene, sachkompetente und schülerorientierte Diskussion der Bildungsziele und die zu ihrer Umsetzung nötigen Maßnahmen. Dazu gehört vor allem auch die Schaffung der geeigneten Rahmenbedingungen für Schüler und Lehrer. Wir protestieren gegen die Pläne der Bayerischen Staatsregierung das Gymnasium betreffend und fordern die Bayerische Staatsregierung und den Bayerischen Landtag auf, die Pläne zu überdenken und zurückzuziehen.

    Wir fordern die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 für unsere Schüler!!

    Würzburg, den 10.12.2003 Elternbeirat, SMV, Personalrat