G8-Protest
Offene Briefe und Musterbriefe
<< Zurück zur Musterbrief-Übersichtsseite

Offener Brief des Elternbeirats des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums (KHG), Bamberg
zum Thema 8 - jähriges Gymnasium (G 8)
"Man kann´s in acht Jahren machen, aber dann bittschön g´scheit."

Diesem Ausspruch der bayerischen Kultusministerin Hohlmeier vom 7. November 2003 schließen wir uns voll und ganz an.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Lauer,

Der Elternbeirat des KHG hat sich seit längerem intensiv mit dem Für und Wider der Einführung des 8 - jährigen Gymnasiums auseinandergesetzt und schließlich der Teilnahme an einem Schulversuch G 8 für das Schuljahr 2004/2005 zugestimmt. Schon aus dieser Zustimmung ist ersichtlich, dass wir uns keineswegs der allgemeinen Entwicklung hinsichtlich zunehmender Internationalisierung und Verkürzung der gerade in Deutschland relativ langen Ausbildungszeiten verschließen. Wir fordern aber, dass Reformmaßnahmen in professioneller Abwicklung vor sich gehen und nicht im Schnellverfahren verordnet werden. Insbesondere weisen wir darauf hin, dass für das sprachliche Gymnasium in G 8 -Form so gut wie keine Erfahrungswerte vorliegen.

Daher wendet sich der Elternbeirat des KHG gegen die flächendeckende Einführung des G 8

Eine Veröffentlichung des Kultusministeriums zum Schulversuch G 8 vom Februar 2003 spricht ausdrücklich davon, dass das Land Bayern dem unterschiedlichen Lern- und Leistungsverhalten sowie der unterschiedlichen Begabung der Schüler Rechnung tragen will. Die bisherigen Planungen gingen daher davon aus, dass ein differenziertes Angebot an Schulzeitmodellen nebeneinander bestehen bleibt. Sollte das G 8 flächendeckend eingeführt werden, so ist zu befürchten, dass ein nicht geringer Teil der Schüler dem dann erheblich verstärkten Leistungsdruck nicht standhalten kann.

Der Elternbeirat des KHG wendet sich außerdem gegen eine vorschnelle und unausgereifte Einführung des G 8 im Schuljahr 2004/2005.

Es gibt eine derzeit nicht überschaubare Zahl an ungeklärten Fragen organisatorischer, inhaltlicher, pädagogischer und finanzieller Art. Eine befriedigende Klärung dieser Fragen im noch verbleibenden Schuljahr scheint nicht nur äußerst fragwürdig, sondern würde sicher auch den laufenden Schulbetrieb an den Gymnasien schwer beeinträchtigen. Hier seien nur einige dieser Fragen aufgeworfen:

  • Inwieweit ist zu befürchten, dass die Gymnasien in Zukunft nur noch auf die Einübung von Faktenwissen reduziert werden, und die notwendige Aufgabe der Persönlichkeitsbildung der Kinder total ins Hintertreffen gerät?
  • Wie sollen die neuen Lehrpläne aussehen, kann man diese überhaupt auf die Schnelle erarbeiten?
  • In welchem Umfang müssen neue Schulbücher angeschafft werden?
  • Wie steht es mit der Einrichtung einer Mittagsversorgung und -betreuung gerade auch für die jüngeren Kinder?
  • Mit welchem zusätzlichen Raumbedarf ist zu rechnen?
  • Mit welchem zusätzlichen Personalbedarf ist zu rechnen?
  • Wie sollen die jetztigen 5-Kläßler in die G-8 Form überführt werden?
  • Welche Kosten kommen auf den Sachaufwandsträger zu?
  • ...
Sollte die vorschnelle Einführung des G 8 zu einem Desaster führen, so würde dies dem Land Bayern als herausragendem Bildungsstandort erheblich schaden. Die angestrebte Sicherung bzw. Steigerung des erreichten hohen Qualitäts-standards würde hierdurch erheblich in Frage gestellt. Statt Qualitätssicherung ist eher Qualitätsverlust zu befürchten.

Mit diesem offenen Brief bitten wir Sie, Herrn Oberbürgermeister Lauer und die Entscheidungsträger der Stadt Bamberg, sich möglichst umgehend - noch bevor Anfang Januar 2004 eine Entscheidung gefällt wird - bei der Staatsregierung für unser Anliegen zu verwenden. In diesem Zusammenhang könnte es sehr hilfreich sein, das Augenmerk vor allem auf die Einhaltung des Konnexitätsprinzips zu legen.

Die Pläne der Staatsregierung lassen bislang völlig offen, von wem der zu erwartende finanzielle Mehraufwand zu tragen ist. Durch die flächendeckende Einführung des G-8-Gymnasiums und die damit einhergehenden Änderungen der Rahmenbedingungen werden den Gemeinden neue Pflichtaufgaben zugewiesen bzw. bisher bestehende Pflichtaufgaben in massivem Umfang erweitert.

Die beabsichtigte Einführung des flächendeckenden G-8-Gymnasiums ist eine erste große Bewährungsprobe des Konnexitätsprinzips (Art. 83 Abs. 3 und 7 BV). Vor einer gesetzlichen Regelung müssen folgende Bedingungen erfüllt sein

  • Ermittlung des finanziellen Mehrbedarfs
  • Erarbeitung eines Konzepts des Kostenersatzes für die Kommunen
  • Anhörung der kommunalen Spitzenverbände

    Über eine Rückmeldung zu unserem Schreiben würden wir uns sehr freuen

    mit freundlichen Grüßen

    für den Elternbeirat

    Dr. Barbara Kahle (Vorsitzende des Elternbeirats) Gisela Filkorn (stellvertr. Vorsitzende des Elternbeirats) Bamberg, den 9. Dezember 2003

    PS:
    Bei unseren Ausführungen haben wir angenommen, dass Ministerpräsident Stoiber bei der angekündigten Einführung des G 8 von der Halbtagesform ausgegangen ist (d.h. höhere Wochenstundenzahl, Intensivierungsstunden) und nicht von der organisatorisch und finanziell wesentlich komplexeren Ganztagesform (d.h. flexibel rhythmisierbarer Tagesablauf, pädagogisch betreute Arbeitsstunden anstelle der Hausaufgaben, pädagogisch gestaltete Freizeit mit vielfältigen Wahlangeboten, sowie weiteren Besonderheiten).

    Ein Schreiben gleichen Inhalts geht an:
    MdL Frau Beck
    MdL Herrn Dr. Müller
    MdL Herrn Rudrof
    Herrn Landrat Dr. Denzler

    Eine Durchschrift dieses Schreibens geht an:
    Herrn Bürgermeister Hipelius
    Herrn Neller, Fraktionsvorsitzender der CSU-Stadtratsfraktion
    Herrn Starke, Fraktionsvorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion
    Frau Friedrich, Fraktionsvorsitzende der GAL-Stadtratsfraktion
    Herrn Witschel, Fraktionsvorsitzender der BR/ÜWG/FDP-Stadtratsfraktion
    Herrn Tscherner, Stadtrat
    Herrn Blechschmidt, Stadtrat
    Fränkischen Tag Lokalredaktion