G8-Protest
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Sehr geehrte Frau Staatsministerin Hohlmeier - Christoph Holzwarth, ProGym e.V.

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Hohlmeier,

den Abschluss der Auswertung unserer Fragebogenaktion zum Ausstattungsstand der bayerischen Gymnasien nehme ich zum Anlass verschiedene in der Öffentlichkeit, aber bedauerlicherweise auch bei Ihnen erkennbar verfestigte Fehleinschätzungen der Arbeitsverhältnisse an bayerischen Gymnasien richtig zu stellen.

Arbeitszeit
Durch Ihre Passauer Äußerung, die "40-Stunden-Woche gelte auch für Lehrer" haben Sie ein landläufiges Klischee bedient, obwohl gerade Sie als Dienstherrin der bayerischen Gymnasiallehrkräfte wissen, dass die Unternehmensberatung Kienbaum bereits vor nun mehr als 10 Jahren unabhängig und nach den in der freien Wirtschaft geltenden Kriterien ermittelt hat, dass ein bayerischer Gymnasiallehrer im Schnitt in einer Schulwoche über 56 Stunden arbeitet. Um die gegenüber einem durchschnittlichen Arbeitnehmerurlaubsanspruch zusätzlichen unterrichtsfreien Tage bereinigt, hat Kienbaum eine Wochenstundenzahl von über 44 Stunden ermittelt. Wollte man Ihre Äußerung also ernst nehmen, dürften sich alle Lehrer auf eine Stundenreduzierung freuen. Die exakten Ergebnisse sind der Öffentlichkeit leider nicht zugänglich, aber Sie müssten über das Finanzministerium darauf Zugriff haben. Sollte die Regierungsfraktion den Ergebnissen dieser von der damaligen CSU-Regierung in Auftrag gegebenen Untersuchung misstrauen, steht es Ihnen frei, die auch vom Bayerischen Philologenverband schon seit Jahren geforderte wissenschaftliche Untersuchung zur Arbeitsbelastung in den Lehrberufen in Auftrag zu geben. Ersatzweise könnten Sie auch die mit Drucksache 14/9953 vom 08.07.2002 im Landtag beschlossene Untersuchung zu den Ursachen der gehäuften Frühpensionierungen bei Lehrern forcieren und den seit einem halben Jahr ausstehenden Zwischenbericht einfordern, der mittelbar die Belastungen beschreiben wird. Wie Sie diese Äußerung mit der Ihnen auferlegten Fürsorgepflicht für Ihre Mitarbeiter vereinbaren können, ist für mich nicht nachvollziehbar. In diesem Zusammenhang mutet es fast schon absurd an, wenn die Kultusministerkonferenz zeitgleich beschließt, eine Image-Kampagne für den Lehrerberuf zu starten, um dem rapide zunehmenden Lehrer-Mangel zu begegnen. Ich denke, dass hier eine explizite Richtigstellung in der Öffentlichkeit geboten ist. Außerdem fällt die offensichtliche Ungleichbehandlung im Öffentlichen Dienst auf. Selbst nach der jetzt beabsichtigten Erhöhung der Arbeitszeit ergäbe sich für den Öffentlichen Dienst allgemein eine Verminderung der Arbeitszeit um 17% von 51 Wochenstunden 1948 auf 42 Wochenstunden 2004. Die Unterrichtspflichtzeit für Gymnasiallehrer betrug aber 1948 24 Wochenstunden und soll 2004/05 auch wieder 24 Wochenstunden betragen. Wenn man dabei noch die auch dem Laien bekannten Veränderungen in Familienstrukturen und Lernmotivation sowie die Zunahme der verwaltungstechnischen Vorgänge mit berücksichtigt, wird klar, dass mit der beabsichtigten Erhöhung der UPZ für Gymnasiallehrer eine faktische Verschlechterung selbst gegenüber den Nachkriegs-Zuständen von 1948 eintritt. Ein zeitgemäßes Unterrichten wird dadurch unmöglich und die bereits jetzt signifikant erhöhten Gesundheitsschäden bei Lehrkräften werden in Folge der Überlastung weiter ansteigen.

Arbeitsverhältnisse
ProGym hat in den beiden letzten Dezemberwochen einige exemplarische Daten an den bayerischen Schulen erhoben. Die Angaben waren freiwillig und anonym. Von den von ProGym e.V. angeschriebenen ca. 385 Gymnasien erhielt ProGym insgesamt 109 anonyme Antworten, und zwar von 6 kommunalen, 10 privaten und 93 staatlichen Gymnasien. Mit einer Rücklaufquote von mehr als 28% kann diese Stichprobe als statistisch repräsentativ angesehen werden, erhebt aber diesen Anspruch nicht. An den beteiligten Schulen unterrichten 7610 Lehrkräfte (Teil- und Vollzeit), darunter 613 Referendare, derzeit etwa 95826 Schüler. Eine bayerische Durchschnittsschule hat damit lt. unserer Stichprobe 70 Lehrkräfte und 887 Schüler. Diese Zahlen haben wir den folgenden Beschreibungen zugrunde gelegt. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit sind die meisten Werte auf ganze Zahlen gerundet. Bei Konferenzen haben an der Modell-Schule ca. 48 Lehrkräfte (69%) einen soliden Sitzplatz mit Tisch, 18 Kollegen (25%) nur einen Sitzplatz frei im Raum und durchschnittlich 4 (>5%!) Kollegen sitzen regelmäßig auf Klappstühlen o.ä. Notbehelfen. Vergleichbare Verhältnisse im Landtag würden zurecht von niemandem hingenommen.

An der Muster-Schule steht nur 5 Lehrkräften, wie in anderen Behörden selbstverständlich, ein abschließbarer Schrank f. Kleidung und privates Unterrichtsmaterial zur Verfügung. In der Regel wird das die Mitarbeiter der Schulleitung betreffen. Immerhin 33 Lehrkräften (46%) steht ein abschließbares Fach in der Größe eines Getränkekastens für privates Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Weiteren 20 Lehrkräften (28%) steht ein abschließbares Fach in der Größe eines Schuhkartons für privates Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Durchschnittlich 12 von 70 Lehrkräften (17%!) haben aber außer einem offenen Postfach keine Möglichkeit Privateigentum wie Unterrichtsmaterial und private Medien oder Software zu deponieren.

In einem durchschnittlichen bayerischen Lehrerzimmer gibt es 1,4 (sic!), an anderen Orten im Haus weitere 1,5 , also insgesamt knapp 3 fest eingerichtete Arbeitsplätze mit PC (davon nur 2 mit E-Mail-/Internetzugang), die für alle Lehrkräfte jederzeit zugänglich sind und auf denen sensible Daten, wie Noten oder Schulaufgaben verarbeitet werden können. 34 der 109 Schulen haben im Lehrerzimmer keinen einzigen PC, 9 der Schulen - also fast jede zehnte! - haben überhaupt keine Rechner, auf denen Personen bezogene oder andere sensible Daten wie Noten und Leistungsnachweise verarbeitet werden können.

Für die Unterrichtsvorbereitung stehen darüber hinaus im Schnitt weitere 2 PCs mit Internet- und E-Mail-Zugang Lehrern auch während des Informatikunterrichts frei zur Verfügung. Insgesamt müssen sich also jeweils 14 Lehrkräfte einen PC-Arbeitsplatz teilen.

Zur konzentrierten Unterrichtsvorbereitung in der Schule stehen durchschnittlich 6 Sitzplätze in der Bibliothek und 4 bis 6 Sitzplätze in separaten Räumen zur Verfügung. Die Bibliotheksplätze sind aber nur verfügbar, wenn dort nicht Schüler arbeiten. Ein solcher Platz besteht aus einem Tisch und einem Stuhl, der sofort wieder geräumt werden muss, wenn man den Platz verlässt. Prüfungen können in der Bibliothek (unter den Augen dort ebenfalls arbeitender Schüler!) nicht erstellt oder bearbeitet werden.

Sie werden aufgrund Ihres eigenen engen Zeitplans verstehen, weshalb die Ablehnung der drohenden Präsenzpflicht für uns eine Frage des beruflichen Überlebens ist, zumal wir nur durch effizente Arbeitsplanung unsere enormen Korrektur- und Vorbereitungspensen schaffen können und dazu auf die dienstlich nur völlig unzureichend vorhandenen Hilfsmittel wie PC, Internet und Nachschlagewerke in Reichweite angewiesen sind, und das an einem Ort, an dem auch über Stunden konzentriertes Arbeiten möglich ist.

Sind die aktuellen Mängel in der Ausstattung rechtlich noch den Kommunen anzulasten, würde eine Veränderung der Arbeitssituation etwa durch eine nachmittägliche Präsenzpflicht nach den Grundsätzen des Konnexitäts-Volksbegehrens jetzt dazu führen, dass die notwendigen Ausstattungsverbesserungen vom Freistaat zu tragen wären. Die momentan favorisierte Einführung einer unklaren und vagen Regelung, deren Vereindeutigung und Umsetzung den Schulleitern aufgehalst würde, ist sicher nicht einmal ein fauler Kompromiss.

Für die Elternarbeit, die nach Ihrer zutreffenden Einschätzung zentrale Bedeutung hat und weiter intensiviert werden soll, hat die Modellschule unserer Erhebung 1,6 Besprechungszimmer, d.h. wenn mehr als zwei verschiedene Erziehungsberechtigte gleichzeitig zu einem Beratungsgespräch an eine Schule mit 887 Schülern kommen, muss derzeit eine betroffene Lehrkraft auf den Gang oder an ähnlich ungeeignete Orte ausweichen, die keinen würdigen Rahmen für ein vertrauensvolles Eltern-Lehrer-Gespräch bieten.

Zur Situation der Schülerschaft:
Eine Durchschnitts-Schule besitzt 20 PC-Schülerarbeitsplätze zur Hausaufgabenanfertigung und Internetrecherche, wobei dabei in vielen Fällen die allgemeinen Computerräume miteinbezogen sind, die aber während des Informatik-Unterrichts nicht genutzt werden können. Hochgerechnet bedeutet das im Idealfall ohne gleichzeitigen Informatikunterricht, dass sich 44 Schüler 1 PC-Platz teilen müssen.

Die 5. und 6. Klassen des Schuljahres 2004/05 werden etwa 25 -30 % der Schülerschaft einer Schule ausmachen, im Modellfall also etwa 245 Schülerinnen und Schüler, die von der überstürzten Einführung des G8 betroffen sind. Dazu kommen die üblichen Nachmittagsschüler der Mittel- und Oberstufe. Die G8-Modell-Schule besitzt nach unserer Umfrage für die 245 5.- und 6.-Klässer durchschnittlich einen Unterstufenaufenthaltsraum mit 7 Sitzplätzen, in dem in Zwischenstunden und während der Mittagspause ungestört durch ältere Schüler Haus- oder Übungsaufgaben gelöst werden können.

Für die gesamte Schülerschaft hat die Muster-Schule eine Cafeteria (o.ä.) mit ca. 12 Sitzplätzen zum Verzehr mitgebrachter Verpflegung- also 1 Sitzplatz je 74 Schüler - und kann ab September 2004 an der Schule ein ausgewogenes warmes Mittagessen in geeigneten Räumen für ca. 21 Schüler und warme Schnellverpflegung durch den Hausmeister für ca. 20 Schüler anbieten. Wenn man die in den Zuschriften überdurchschnittlich vertretenen Landschulheime und Internate nicht mitrechnet, bleiben noch 12 ausgewogene warme Mittagessen und 18mal Schnellimbiss für 887 Schüler.

Es ist ein Frage der intellektuellen Redlichkeit, nicht öffentlich die zunehmende Übergewichtigkeit deutscher Kinder anzuprangern, wenn man die Schüler durch eine verfehlte Schulplanung gezielt an die Döner- und Pommes-Buden treibt. Skandinavische oder französische Schulen, mit denen sich Bayern in den PISA-Studien zurecht gerne vergleicht, haben hier neben den ausgewogenen Sportangeboten am Nachmittag auch eine erschwingliche, nach ernährungsphysiologischen Kriterien zusammengestellte Kantinenverpflegung zu bieten.

Wenngleich wir das Modell G8 grundsätzlich für verfehlt halten, gestehen wir Ihnen gerne zu, eine andere Entscheidung zu treffen. Was aber fatal sein wird, ist die jetzt geballte und auch nicht im Ansatz vorbereitete flächendeckende Umsetzung. Jeder, der Kinder an staatlichen Schulen in Bayern unterrichten lässt, wird die Auswirkungen zu spüren bekommen, und sei es auch nur mittelbar durch den Zusammenbruch der außerunterrichtlichen Aktivitäten, wie musischen Arbeitsgruppen und den von den Schülern geliebten Fahrten und Exkursionen.

Der darüber hinaus geplante Wegfall oder die Einschränkung der Lernmittelfreiheit wird die Eltern zusätzlich treffen, weil die Tatsache, dass man nach ein paar Jahren auch gebrauchte Bücher wird kaufen können, für die Eltern der ersten G8-Generation, die in jeder Klassenstufe den kompletten Büchersatz erwerben müssen, keine Hilfe ist. Daneben wird sich ähnlich dem überzogenen Kleider-Marken-Bewusstsein vieler Schüler ein neues Statussymbol im Klassenzimmer etablieren: das ladenneue Buch. Außerdem wird gerade die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen bereits die Unsicherheit, ob man die 150,- bis 250,- € pro Kind und Jahrgang nicht am Ende doch wird tragen müssen, dazu veranlassen, ihre Kinder nicht an Gymnasien zu geben. Der heutigen Tageszeitung entnehme ich zwar ein neues Gerücht, wonach dies nun doch nicht kommen soll, aber im Moment ist es fast nicht mehr möglich mit der durch Redlichkeit gebotenen Gründlichkeit eine Gegenstellungnahme vorzubereiten, bevor eigentlich als verbindlich geltende politische Äußerungen wieder ins Gegenteil verkehrt werden oder ganz entfallen.

Schließlich wird die Kombination aus der eigentlich sinnvollen Einführung eines verpflichtenden Abiturfaches Deutsch im Rahmen des 5-Fächer-Abiturs, der Kürzung des Deutschunterrichts in der Mittel- und Oberstufe gem. der neuen Stundentafeln und der systematischen Benachteiligung von Kindern aus Familien mit mittleren und niedrigen Einkommen dazu führen, dass die Quote der Abiturienten sogar noch unter die wissenschaftlich prognostizierten 25 Prozent der jetzigen Gymnasiasten fallen wird. Die erfreulichen Aussagen zur gelungenen Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund im bundesdeutschen Vergleich werden der Vergangenheit angehören. Wenn die Angaben der Industrie, dass wenigstens 70 % aller Kinder - also nicht nur aller Gymnasiasten - eines Jahrgangs Abitur machen müssten, um den Bedarf der Wirtschaft zu erfüllen, nur halbwegs stimmen, dann wird die beabsichtigte bildungspolitische Entscheidung fatale Folgen für den HighTech-Standort Bayern haben. Grundsätzlich wird die Art der Reformentscheidungen und der demokratisch gebotenen vorherigen öffentlichen Diskussion Bayern auch bundespolitisch in einem anderen Licht darstellen: Entweder als ein vom unreflektierten Reformismus gebeuteltes Bundesland unter vielen oder weiter als den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Nummer 1. Verlassen Sie sich nicht zu sehr darauf, dass mündige Bürger sich politische Fehlsteuerungen nicht über einen Fünf-Jahres-Zeitraum merken können.

Ich appelliere deshalb an Sie,

die Einführung des G8 bis zum Abschluss und zur Auswertung der Modell-Versuche auszusetzen.

die Einführung des G8 dann an das Vorhandensein der notwendigen Infrastruktur an den Schulen zu koppeln. Dadurch ergibt sich eine natürliche Staffelung der Umstellung und die betroffenen Schüler finden akzeptable Rahmenbedingungen vor.

die Erhöhung der Unterrichtspflichtzeit auf 24 Wochenstunden auszusetzen, bis die o.g. Untersuchung abgeschlossen ist oder wahlweise eine eigene Studie in Auftrag gegeben wurde, deren Ergebnisse veröffentlicht werden und als bindend für die abschließende Entscheidung angesehen werden.

die unsinnige Einführung einer vom Kultusministerium unklar definierten Präsenzpflicht über die UPZ hinaus nicht weiter zu verfolgen, um den betroffenen Lehrkräften eine weitere und vermeidbare Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen zu ersparen.

Für Ihre weitere politische Arbeit wünsche ich Ihnen trotz aller inhaltlichen Differenzen die nötige Umsicht und Kraft für das Jahr 2004.

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Holzwarth
ProGym e.V.