G8-Protest
Offene Briefe und Musterbriefe
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Stellungnahme Johannes-Butzbach-Gymnasium Miltenberg

Johannes-Butzbach-Gymnasium Miltenberg
- Der Elternbeirat -
Vorsitzende: Gabriele Barath
Hauptstraße 260
63897 Miltenberg

Stellungnahme zur geplanten Einführung der G8

Elternbeirat und Lehrkräfte des Johannes-Butzbach-Gymnasiums sehen der angekündigten eiligen Einführung des G8 mit Sorge entgegen.

Für den Elternbeirat und Lehrkräfte des Johannes-Butzbach-Gymnasiums in Miltenberg bleiben nach der groblinigen Skizzierung des G8 durch die beiden, Ende 2003 übermittelten kultusministeriellen Schreiben viele Fragen offen. Der Elternbeirat fordert daher die politischen Entscheidungsträger auf, nachfolgende Gedanken und Forderungen ernst zu nehmen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, damit die Schüler/innen - insbesonders die der zuerst betroffenen Jahrgangsstufen - keine Nachteile erleiden.

Aus unserer Sicht sind folgende Problemkreise einer adäquaten Lösung zuzuführen:

  • Die Aufnahmefähigkeit der Hochschulen ist bereits heute sehr begrenzt, die Hörsäle sind überfüllt. Die Abiturienten und Abiturientinnen des Jahres 2012 (jetzige Schüler/innen des 5. und 6. Jahrgangs) drängen in wesentlich höherer Anzahl in bayrische Studien- und Ausbildungsgänge. Werden sie ein Abitur erster und zweiter Klasse haben oder das gleiche Abitur schreiben, obwohl sie unterschiedlich lang das Gymnasium besucht haben? Welche Chancen haben diese jungen Menschen dann noch? Es wird ein gewaltiger Verdrängungswettbewerb in Gang gesetzt, von dem alle betroffenen sein werden. Deshalb gehen diese Reformen auch die Gesamtheit der Schülereltern an.
  • Wie wird im Laufe der Schullaufbahn mit Wiederholern der jetzigen 6. Klasse verfahren?
  • Die Verkürzung des Gymnasiums bringt eine Ausweitung des Nachmittagsunterrichts mit sich. Geplant sind 32 Wochenstunden in der fünften Klasse, (einmal Nachmittagsunterricht), je 34 Wochenstunden in den Jahrgängen 6 bis 8 (zweimal nachmittags) und je 37 Wochenstunden in den Jahrgängen 9 und 10 (dreimal nachmittags). Dazu kommen noch Hausaufgaben, Übungs- und Vorbereitungszeit.
Viele Kinder im Landkreis Miltenberg benötigen aufgrund der besonderen regionalen geografischen Struktur und den daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Schülerbeförderung zusätzlich viel Zeit für den Nachhauseweg. Sie wären regelmäßig länger als acht, häufig sogar mehr als zehn Stunden unterwegs. Wann werden sie Zeit haben für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, geschweige denn für sog. Hobbies, sportliche Betätigung, politisches Engagement und musische Förderung? Benötigt ein junger Mensch nicht vielfältige Impulse, auch außerschulische, um seine Talente zu entwickeln? Braucht er nicht genügend Zeit, um in einer Gemeinschaft zu reifen und in ihr Verantwortung übernehmen zu können?

Wie soll ehrenamtliches Engagement junger Menschen in Vereinen und vielen anderen Bereichen des öffentlichen und kulturellen Lebens (wie es gerade noch in der ländlichen Region lebendig ist und praktiziert wird) für die Gesellschaft überleben und sich weiterentwickeln, wenn sie durch die Verdichtung ihrer schulischen Pflichten keine Zeit mehr haben, sich diesen Aufgaben zu stellen?

  • Eltern und Lehrer betrachten die an Nachmittagen angebotenen schulischen Aktivitäten wie Theatergruppe, Chor, Orchester, Dance-Company als wichtige pädagogische Angebote, die für die Persönlichkeitsentwicklung und im Sinne einer Suchtprophylaxe von großer Bedeutung sind.

    Die Lehrkräfte am Johannes-Butzbach-Gymnasium haben mit hohem Zeitaufwand, mit Engagement und einer die Schüler ansteckenden Begeisterungsfähigkeit seit einigen Jahren der Schule ein unverwechselbares Profil gegeben, welches das kulturelle Leben in der Region nachhaltig bereichert hat. Schulleitung, Lehrkräfte und Elternbeirat haben sich zu einer Zeit in Sachen Schulentwicklung auf den Weg gemacht, als noch kaum jemand von Schulentwicklung gesprochen hat. Damit wurden Schülern Kompetenzen auf dem Weg in ihre Mündigkeit vermittelt, die nicht über den üblichen Fächerkanon eines Gymnasiums vermittelt werden.

    Bleibt für diese Angebote künftig Raum und haben Schüler/innen und Lehrer/innen (nach der geplanten Arbeitszeiterhöhung) noch Zeit dazu?

  • Die kürzlich eingeführten Lehrpläne an Gymnasien hatten lt. Kultusministerium auch das Ziel, sich von der alten "Paukschule" weg, hin zu mehr schülerorientierten, eher problemorientierten Lehr- und Lernmethoden und systematischerem, grundlegen-derem Aufbau von Wissen zu bewegen. Wie sehen die weiteren Lehrplankürzungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und den Sprachen aus? Wo liegt hier inhaltlich der Schwerpunkt der Kürzungen? Welche Folgen hat dies für den Wissenstand und die Persönlichkeit unserer Kinder? Wofür wird keine Zeit mehr sein? Welche Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen können nicht mehr reifen? Können wir uns leisten, junge Menschen, die in Zukunft Schlüsselstellen im öffentlichen Leben besetzen, aus der Schule zu entlassen, ohne ihnen Hilfen für ihre Persönlichkeits-entwicklung mitgegeben zu haben. Welche Persönlichkeiten sind in Zukunft erwünscht?

    Deshalb erwarten wir, dass das Gymnasium nicht nur als "Zulieferbetrieb mit maßgeschneiderter Ware" für die bayerische Wirtschaft zu sehen ist, sondern über die verbindlichen, reduzierten Lehrplaninhalte weiterhin persönlichkeits- und allgemeinbildende Werte vermittelt werden.

  • An vielen Gymnasien wird - weil der entsprechende Bedarf bisher fehlt - keine Mittagsverpflegung angeboten. Gerade bei einer verlängerten Unterrichtszeit ist es jedoch für die Gesundheit gerade der jungen Schüler/innen wichtig, eine Mahlzeit einnehmen zu können, die ernährungswissenschaftlichen Anforderungen genügt. Hierzu sind noch nicht überall die räumlichen, personellen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen.

  • Ist dem Ministerium bewusst, dass die Attraktivität des Lehrberuf stetig sinkt? Schüler beobachten die Anforderungen, die an Lehrkräfte heute gestellt werden, sehr sensibel und lassen sich auch vom sicheren Beamtenstatus nur noch selten locken.

  • Auch an den Gymnasien unterrichten immer mehr weibliche Lehrkräfte. Es wird für engagierte Gymnasiallehrerinnen zunehmend schwieriger, den Spagat zwischen stetig anwachsenden Dienstpflichten und familiären Anforderungen zu bewältigen.

    Eltern und Lehrer tragen die Einführung eines G8 mit, allerdings in einer in den Details durchdachten Form und Struktur, die verspricht, dass unsere Kinder in gesamtheitlicher Sicht für die zukünftigen Herausforderungen in einer globalisierten Welt fit gemacht macht.

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