G8-Protest
Offene Briefe und Musterbriefe
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1. Schreiben Eltern Julius-Echter-Gymnasium zu G8

Elternbeirat am
JULIUS-ECHTER-GYMNASIUM
Sprachliches Gymnasium
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Gymnasium mit sozialwissenschaftlichem Profil

Dammsfeldstraße 20
63820 Elsenfeld
Tel. 06022 - 8393
Fax 06022 - 649509

14.01.2004

Liebe Eltern,

Sie werden über die Medien die Diskussionen um die Einführung des G8 verfolgt haben. Die "Reform" wurde überstürzt und ohne jedes erkennbare Konzept angekündigt. Jetzt im Nachhinein ziehen die Politiker durch das Land und versuchen die Vorteile zu erklären, ohne selbst zu wissen, wie denn die konkrete Ausgestaltung aussehen soll.

Was ist denn bis heute erkennbar?

1. Rückwirkend ab diesem Schuljahr wird die normale Schulzeit am Gymnasium 8 Jahre betragen.

2. Es werden zwei bis drei Intensivierungsstunden pro Woche eingeführt, in denen sowohl lernstarke als auch lernschwache Kinder in kleinen Gruppen individuell gefördert werden sollen.

3. Biologie, Physik und Chemie wird in den Jahrgangsstufen 5 - 7 zu Natur und Technik zusammengefasst.

4. Die Wochenstunden werden erhöht auf

5. Jahrgangsstufe32 Wochenstunden (mindestens ein Nachmittag)
6. - 8. Jahrgangsstufen34 Wochenstunden (mindestens zwei Nachmittage)
9. - 10. Jahrgangsstufen37 Wochenstunden (mindestens drei Nachmittage)
Insgesamt ergibt das 208 Wochenstunden in 6 Jahren ( bisher 216 Wochenstunden in 7 Schuljahren)

5. Die Kollegstufe wird aufgelöst, und es werden "Seminare" eingeführt. Damit soll eine engere Verzahnung mit der Wirtschaft angestrebt werden.

6. Der Deutsch- und der Mathematikunterricht sollen um 20 % gekürzt werden.

7. Die Wahlfreiheit in der Kollegstufe wird eingeschränkt, weil der Unterricht im Klassenverband weitergeführt wird.

8. Die Zahl der Abiturfächer erhöht sich von vier auf sechs.

Das alles wird als große Reform und Vorteil für unsere Kinder angekündigt. Wo sind die Vorteile?

Wir haben in den letzen Jahren im JEG hautnah erlebt, wie solche Maßnahmen durchgeführt werden: Als die Rudolf-Harbig-Halle umgebaut wurde, hat man die Schulen mit dem Problem, wo der Sportunterricht durchgeführt werden soll, alleingelassen. Die Folge war, dass die Kinder bei Wind und Regen im Freien laufen, 15 Minuten mit dem Bus zur Sporthalle fahren mussten oder im Klassenzimmer "theoretisch" Sport gemacht haben.

Als die sechsstufige Realschule eingeführt wurde, wurden wir wieder allein gelassen, weil sich niemand im voraus Gedanken machte, wo die Schüler unterrichtet werden sollen. Seitdem muss auch das letzte, Schülern und Lehrern nicht mehr zumutbare Fleckchen zum Unterrichten benutzt werden.

Das gleiche Verfahren ist jetzt schon wieder erkennbar.

  • Der Intensivierungsunterricht muss von der Schule organisiert werden. Wo sollen die Räume und die Lehrer für kleinere Gruppen herkommen?

  • Die Lehrer müssen sich in den nächsten Jahren jedes Jahr auf neue und geänderte Lehrpläne vorbereiten und außerdem länger in der Schule sein, in der sie aber keinen Arbeitsplatz haben.

  • Arbeitsmaterialen für den Intensivierungsunterricht gibt es nicht. In welcher Zeit und mit welchem Material führen die Lehrer diesen Unterricht durch?

  • Es gibt im Gymnasium nicht ausreichend Aufenthaltsräume und keine Cafeteria, und die Bibliothek ist auch nicht so ausgestattet, dass sich dort viele Kinder zum Lernen aufhalten können. Wo halten sich die Kinder in den Pausen, vor dem Nachmittagsunterricht und beim Warten auf die Busse auf? Was essen die Kinder?

  • Wahlunterricht wie Sport, Theater, Musik usw. ist bei den 208 Stunden noch gar nicht berücksichtigt. Die Kinder werden vermutlich mehr Zeit für die Schule aufbringen, als die Tarifverträge für einen normalen Arbeiter vorsehen. Es ist ein Hohn, wenn Herr Freller davon spricht, dass die Teilnahme an Wahlunterricht und außerschulischen Aktivitäten nur von dem Engagement der Lehrer und Kinder abhängt. Gibt es kein Recht auf Kindheit und damit kein Recht auf ungezwungenes, freies Spielen mehr?

  • Schon heute gibt es massive Problem mit dem Transport der Kinder. Wir können nicht davon ausgehen, dass die Busse nachmittags zeitnah zu jeder Unterrichtsstunde fahren. In der Konsequenz wird das wohl bedeuten, dass unsere Kinder - egal wie lang der Nachmittagsunterricht dauert - erst nach 16 Uhr nach Hause kommen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie mit der Ausstattung der Gymnasien an Lehrern, Räumen, Fachräumen und Sportstätten und vor allem mit den noch parallel laufenden 8- jährigen Jahrgängen und den zu Ende laufenden 9-jährigen Jahrgängen der Unterricht so geplant werden kann, dass nur die Mindestzahl an Nachmittagsunterricht stattfinden muss. Unsere Kinder werden also an bis zu vier Nachmittagen erst gegen 16 Uhr nach Hause kommen und noch keine Hausaufgaben gemacht haben. D.h. in letzter Konsequenz: Das JEG wird sich zu einer Ganztagesschule entwickeln, ohne dass es dafür Konzepte und die notwendigen Rahmenbedingungen gibt.

  • Die Abschaffung der Kollegstufe und zwei weitere Abiturfächer werden zu einer weiteren Verschärfung des Tempos im Unterricht und des Drucks auf die Schüler führen. Die Seminare sollen in Verbindung mit der Wirtschaft und anderen Organisationen durchgeführt werden. Aber heute schon profilieren sich nur wenige Wirtschaftsunternehmen, in- dem sie über das für sie notwendige Maß hinaus in Ausbildung investieren. Wo bleibt die Verpflichtung der Wirtschaft, sich in dieses System einzubringen?

    Liebe Eltern, trotz beredter Worte ist nicht zu erkennen, wo für unsere Kinder der Vorteil in dem jetzt geplanten System des G8 liegt. Dass unsere jungen Leute erst mit 28/29 Jahren in den Beruf eintreten anstatt mit 24/25 wie in anderen Ländern, liegt sicher nicht an den 9 Jahren Gymnasium. Liegt es nicht vielmehr auch daran, dass wir uns immer noch einen Wehrdienst leisten und dass unsere Ausbildung nach der Schule offensichtlich so schlecht strukturiert ist, dass wir uns jahrelange Praktika, Referendariate und Anerkennungsjahre leisten müssen? Grundsätzlich muss die Frage gestellt werden: "Warum und für wen ist es ein Vorteil, wenn die jungen Menschen früher auf den Arbeitsmarkt kommen?" Letztlich profitiert doch davon wohl hauptsächlich der Arbeitsmarkt, auf dem sich durch ein höheres Angebot dann ein niedrigerer Preis für den Faktor Arbeit bildet.

    Liebe Eltern, nutzen Sie bitte jede Gelegenheit, auf die politisch Verantwortlichen Einfluss zu nehmen, um diese nicht durchdachte Einführung des G8 zu verhindern. Verhindern Sie mit dem Einfluss, den Sie haben, dass die Kindheit und die Jugend unserer Kinder knappen Kassen und Wirtschaftsinteressen geopfert werden. Drängen Sie darauf, dass das Wahlversprechen "Bildung hat Vorrang" umgesetzt wird.

    Am 23.1.2004 veranstalten die Personalräte der Gymnasien eine Podiumsdiskussion mit dem MdL Herrn Rüth zu diesem Thema in Miltenberg im Johannes-Butzbach-Gymnasium um 19:00 Uhr.

    Wenn es Ihnen möglich ist, nehmen Sie an der Veranstaltung teil. Zeigen Sie Ihr Interesse an der Ausbildung unserer Kinder.

    Für den Elternbeirat des JEG

    Wolfgang Büttner

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