G8-Protest
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Elternbrief des Willstätter-Gymnasium in Nürnberg

Willstätter-Gymnasium Nürnberg
Rundschreiben vom 16.12.2003
Informationen zur Verkürzung der Gymnasialzeit (G8)

Sehr geehrte Eltern! Im Interesse Ihrer Kinder bitten wir um 10 Minuten Ihrer Zeit!

Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber hat am 6.11.2003 in seiner Regierungserklärung bekannt gegeben, dass das bayerische Gymnasium künftig flächendeckend in 8-jähriger Form geführt wird. Wir alle (Lehrer und Schulleitung) wurden von dieser Aussage überrascht. Leider kann das Kultusministerium selbst bisher keine konkreten Pläne vorweisen und hält sich mit Aussagen zu den anstehenden Änderungen sehr bedeckt. Offenbar wird Schulpolitik inzwischen überwiegend in der Staatskanzlei entworfen und von Abgeordneten des Landtags im Schnelldurchgang konkretisiert: Nur "zwei Wochen lang feilte" (!) ein Arbeitskreis der CSU-Landtagsfraktion "unter dem Vorsitz des Abgeordneten Siegfried Schneider an der neuen Stundentafel des G8." (Christine Burtscheidt, SZ-Internet, 11.12.03).

Was wir bisher wissen:

  • Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit soll unter Wegfall der bisherigen 11. Jahrgangsstufe erfolgen.
  • Es laufen in Bayern fünfzehn Schulversuche zum G8, deren Ergebnisse weder abgewartet noch ausgewertet werden. (Die bisherigen Erfahrungen am Gymnasium Erding sind allerdings sehr ernüchternd. Die kritische Stellungnahme der Schule zum G8 kann auf der Homepage des Gymnasiums eingesehen werden.)
  • Die Umstellung wird mit der jetzigen 5. Jahrgangsstufe erfolgen.
  • Der Lehrplan soll kaum gekürzt werden. "Wir gehen beim Qualitätsniveau nicht herunter." (Hohlmeier)
  • Deshalb werden für die Schüler aller Klassen die Wochenstundenzahlen deutlich angehoben: Auf bis zu 34 Std. in der Unterstufe und auf bis zu 37/38 Std. in der Mittel- und Oberstufe.

Welche Chancen kann das neue G8 bieten:

  • Die Schüler erhalten ihr Abitur ein Jahr früher und können damit ein Jahr früher mit dem Studium oder einer Ausbildung beginnen - eventuell sogar noch eher, da eine frühere Einschulung ebenso erwogen wird. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit soll sich dadurch verbessern
  • Zukunftspläne können eher verwirklicht werden, das Elternhaus kann eher verlassen werden.
  • Die Schüler erhalten in kürzerer Zeit mehr Wissen und Fertigkeiten.
Jedoch ergeben sich bei genauerer Betrachtung und Abschätzung schwer wiegende Bedenken.

Mögliche Probleme/Auswirkungen/Ungereimtheiten des G8:

· Erhöhung des Leistungsdrucks
Die Verkürzung der Schulzeit um ein ganzes Jahr ohne Abstriche an der Qualität der Abiturprüfung ist nur durch eine drastische Steigerung der Leistungsanforderungen an die Schülerinnen und Schüler durchführbar. Denn Leistung bedeutet bekanntlich Arbeit pro Zeit. Das Gymnasium Pfarrkirchen, das als G8-Modellschule für diesen Zweig auf seiner Homepage wirbt, schreibt dazu explizit, " dass etwa 25% der Schüler eines Jahrgangs dazu in der Lage sind."

· Arbeitszeiten der Schüler
Die Schüler des G8 müssen mit bis zu 34-37 Wochenstunden Unterricht rechnen (s.o.). Das heißt Pflichtunterricht an vermutlich mindestens zwei Nachmittagen ab der 5. Klasse. Die Hausaufgaben werden nicht nur bleiben, sondern sich verstärken, denn es muss ja mehr in kürzerer Zeit gelernt werden. Da die Schüler nach 6 Stunden Unterricht am Vormittag unbedingt eine längere Pause brauchen, werden sie die Schule nach einem 8-Stunden-Tag erst um ca. 16.00 Uhr verlassen. Je nach Beförderung beginnt evtl. um 17.00 Uhr zu Hause die Vorbereitung auf den nächsten Schultag. Dies ist unter pädagogischen Gesichtspunkten höchst fragwürdig und im Vergleich mit Arbeitszeiten von Erwachsenen sogar völlig inakzeptabel! Die besonderen Arbeitsschutzbestimmungen für Jugendliche (§ 8 Abs. 1 JArbSchG) sollten auch und gerade in der Schule gelten.

· Vergleich der "Mittleren Reife" verschiedener Schularten
Da der Leistungsanspruch von der 5. Klasse an deutlich erhöht wird, wird damit auch der erfolgreiche Abschluss der 10. Klasse und damit der Erwerb der Mittleren Reife wesentlich erschwert, so dass eine Vergleichbarkeit mit der Mittleren Reife anderer Schularten nicht mehr gegeben ist.

· Das G8 darf nicht mit Ganztagsschulen anderer Länder verwechselt werden.
Dort sind die gesamten Räumlichkeiten ganz selbstverständlich auf den Ganztagsbetrieb eingestellt, und der Unterricht besteht nicht nur aus Pflichtunterricht, sondern wird vormittags und nachmittags durch Entspannungs- und Bewegungsstunden unterbrochen. Obwohl häusliche Vorbereitung offiziell nicht vorgesehen ist, lässt sich dies in der Praxis auch dort meist nicht vermeiden.

· Notwendige Investitionen
Die Einführung des G8 ein Jahr nach in Kraft treten eines neuen G9-Lehrplans (welche eine Fehlinvestition!) fällt in eine dramatisch angespannte Haushaltslage des Freistaates und der Kommunen als Sachaufwandsträger. Wo sollen die Kinder essen? Wo sollen sie sich aufhalten, austoben bzw. in Ruhe lernen können? Werden die Kommunen die Kosten für ein ausgeweitetes Beförderungssystem übernehmen? Die Voraussetzungen für einen dauerhaften und effektiven Nachmittagsunterricht sind weder an unserer Schule noch an vielen anderen Gymnasien gegeben. Es wären also gewaltige Investitionen für Küchen, Mensen, Aufenthaltsräume, Sporteinrichtungen nötig! Nachmittagsunterricht ohne gleichzeitige hohe Investitionen in die Infrastruktur der Schulen wäre eine Scheinlösung auf Kosten Ihrer Kinder! Wo sollen sich die Lehrer aufhalten? (Im Lehrerzimmer, in dem es für 70 Kollegen 16 Tische und 1 Computer gibt, oder in den Klassenzimmern, in denen es weder Computer noch Schließfächer noch Bücherregale gibt?) Hier wären weitere erhebliche Investitionen notwendig!

· Beeinträchtigung von Wahlunterricht und privaten Aktivitäten
Angesichts der hohen Zahl von Pflichtstunden muss eine weitere Ausdörrung des Wahl-unterrichts befürchtet werden, wovon besonders die musischen und die künstlerischen Aktivitäten betroffen wären, die bislang unser schulisches Angebot ergänzen und vervoll-ständigen. Das Engagement der Schüler bei Konzerten und Theateraufführungen, in der SMV sowie in den verschiedenen IG´s wird nur noch eingeschränkt möglich sein. Aber auch private Aktivitäten unserer Schülerinnen und Schüler z. B. in Vereinen, Jugend- oder kirchlichen Gruppen wären erheblich beeinträchtigt.

· Schmerzliche Folgen des Zeitdrucks

  • Die Möglichkeiten moderner Unterrichtsformen wie Freiarbeit u.ä., die alle sehr zeitintensiv sind, werden eingeschränkt.
  • Mitglieder des Bayerischen Landtags schlagen als Abhilfe gegen diesen Zeitdruck die Zusammenlegung von Fächern vor: Sollen wirklich Musik und Kunsterziehung zusammengelegt werden? Soll wirklich Biologie für die gesamte Unterstufe gestrichen werden?
  • Sind angesichts der verkürzten Schulzeit außerunterrichtliche Unternehmungen wie Schullandheim, Skilager, Schüleraustausch, usw. überhaupt noch zu verantworten?

    · Betroffen sind auch die Schüler des bisherigen Gymnasiums!

    • Die Schülerinnen und Schüler der jetzigen 5. Jahrgangsstufe befinden sich bereits in diesem neuen Schultyp, sollen also schon in 8 Jahren Abitur machen, werden aber noch nach einem Lehrplan unterrichtet, der auf das neunjährige Gymnasium zugeschnitten ist! Sie als Eltern wurden und werden darüber von den Politikern in keinster Weise informiert.
    • In acht Jahren werden zwei Jahrgänge Abiturienten zugleich fertig, die dann alle gleichzeitig auf die (sowieso schon überfüllten) Universitäten bzw. auf den Arbeitsmarkt drängen!
    • Auch zur Versetzungsproblematik gibt es noch keine konkreten Pläne: Was passiert mit einem Schüler aus dem letzten Jahrgang des G9, wenn er z.B. das Klassenziel der zehnten Jahrgangsstufe nicht erreicht? Kommt er dann als Wiederholer in eine zehnte Klasse des G8, die aber da bereits fünf Jahre verdichteten Lehrplan hinter sich hat und auf einem viel höheren Leistungsstand steht?

    Zum Auftrag der Bayerischen Verfassung

    Gemäß Artikel 131 der Bayerischen Verfassung haben die Schulen nicht nur Wissen und Können zu vermitteln, sondern auch "Herz und Charakter (zu) bilden". Dieser Auftrag erfährt eine herbe Beeinträchtigung und wird in den Hintergrund gedrängt. Persönlichkeits-entwicklung braucht ihre Zeit und sie verläuft nur im Idealfall ohne Störungen und Krisen. Weshalb gestehen wir unseren Kindern nicht die Zeit zu, die sie zur Entwicklung einer gefestigten und gereiften Persönlichkeit brauchen? Weshalb sollen wir sie dem Diktat eines falschen Verständnisses von Ökonomie unterwerfen?

    Bessere Alternativen?

    • Schon mit einer etwas früheren oder wenigstens "pünktlichen" Einschulung mit sechs Jahren wäre viel gewonnen. Dass einige Menschen in unserem Land allerdings nach einer Ein-schulung mit vier Jahren rufen, lässt sich hoffentlich als Populismus, Dummheit oder Zynismus abtun.
    • Die von der Frau Staatsministerin geplanten "Intensivierungsstunden" für schwächere Schüler sind sicher dringend notwendig und sinnvoll, aber schon im jetzigen n e u n jährigen Gymnasium! So könnte die Zahl der Wiederholer und somit verlorene Zeit deutlich reduziert werden!
    • In den letzten Jahren haben sich sowohl die Dienstzeiten als auch die Einberufungszahlen bei der Bundeswehr schon deutlich verringert, so dass sich von dieser Seite der Zeitdruck bereits vermindert hat.
    • Durch eine engere Verzahnung von Gymnasium und Universität und eine intensivere Beratung der Abiturienten ließe sich die Zahl der Studienabbrecher bzw. -umwähler weiter senken.

    Summa summarum:
    Die überstürzte Einführung des achtjährigen Gymnasiums ohne umsichtige Vorbereitung lässt für das bayerische Gymnasium einen Flächenschaden befürchten, dessen Umfang gar nicht abzuschätzen ist. Nur das Votum der Eltern und Schüler kann die in ihrer Unkalkulier-barkeit gefährliche Entwicklung aufhalten. Den Lehrern wird man wegen der mit dem Problem verquickten Arbeitszeitfrage ohnehin Eigennutz und Standesinteressen unterstellen, wenn sie sich zur Wehr setzen. Die hauptsächlich Betroffenen werden aber die Schülerinnen und Schüler sein.

    Wir bitten Sie deshalb: Reden Sie mit und entscheiden Sie mit - es geht um Ihre Kinder!

    Für weitere Informationen und mögliche Stellungnahmen wenden Sie sich bitte an unsere oberste Planungsbehörde:

    Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus
    Salvatorstr. 2, 80333 München,
    Tel.: 089-2186-0, Fax.: 089-2186-2800

    e-mail: poststelle@stmuk.bayern.de

    oder an unseren Ministerpräsidenten

    Bayerische Staatskanzlei
    Franz-Josef-Strauß-Ring 1, 80539 München

    oder an den

    Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags
    Der Vorsitzende - Siegfried Schneider MdL
    Marktplatz 22, 85072 Eichstätt

    Dr. Peter Hörbe, OStDDer PersonalratDer Elternbeirat

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