G8-Protest
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Brief von Dr. Joachim Schmidt, Vater einer Viertklässerin, an Frau Hohlmeier

Dr. Joachim Schmidt
Alemannenring 14
63791 Karlstein
06188 / 990062
jpschmidt@daybyday.de

Karlstein, der 22.12.03

Staatsministerin Monika Hohlmeier
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus
München
monika.hohlmeier@stmuk.bayern.de

Gymnasialreform G8

Sehr geehrte Frau Hohlmeier,
für mich als Vater einer Viertklässerin, die hoffentlich im nächsten Jahr ein bayrisches Gymnasium besucht, stellen die letzten Tage vor Weihnachten in diesem Jahr ganz und gar keinen besinnlichen Jahresausklang dar.

In ersten Informationsabenden zum Angebot der weiterführenden Schulen noch auf die bisherige 9-jährige Schulstruktur eingestellt, werde ich jetzt durch diverse Meldungen aus der Presse auf die bevorstehende Gymnasialreform G8 aufmerksam gemacht. Nach einigen "Informationsversuchen" meinerseits wurde mir jedoch schnell klar...

NICHTS ist klar, nur offenbar die Tatsache, dass die Reform bereits zum nächsten Jahr kommt.

Nach dem jahrzehntelangen Verharren in alten Strukturen und dem "Pisa-Schock", den Bayern ja noch mehr oder weniger mit einem blauen Auge und ein wenig schadenfroh weggesteckt hat, ist eine Reform der gymnasialen Ausbildung notwendig. Darin stimmen sicher auch alle Beteiligten, ob Schüler, Eltern, Lehrer oder Staatsbeamte im Kultusministerium, überein. Eine Überprüfung, Modernisierung und Straffung des Lehrplanes und auch eine Verkürzung der schulischen Ausbildungsdauer (auch vor dem Hintergrund der von Ihnen selbst als Begründung angeführten "Nicht-Anerkennung schulischer Ausbildungszeiten zur Rente") sind sicher ebenfalls anzustreben.

Reformbedarf ist also vorhanden und den Reformwillen zumindest der meisten Beteiligten setze ich voraus. Doch die bisherige Form der Durchführung weckt Bedenken:

  • Im November werden wir von unserem Ministerpräsidenten in bester Landesfürstenmanier darüber informiert, dass bereits mit dem Schuljahr 2004/2005 ein achtjähriges gymnasiales Schulsystem flächendeckend umgesetzt wird.
  • Mitte Dezember werden zwar die Direktoren und Elternvertreter benachrichtigt, umfassende Informationen, wie Lehrpläne jedoch sind nicht zu erhalten. Dafür ergeben sich um so mehr offene Fragen:
    - Es wird eine Steigerung der Wochenstundenzahl geben, damit mehr Nachmittagsunterricht. Wie sieht es mit den, für die Persönlichkeitsentwicklung ebenso wichtigen, nichtschulischen Aktivitäten der Kinder aus?
    - Der Lehrinhalt wird offensichtlich im Grunde beibehalten, die Gesamtwochenstunden in Kernfächern jedoch werden zum Teil drastisch reduziert. Wie passt das zusammen?
    - Eine Einbindung der betroffenen Eltern- und Schülervertretungen fand bisher offensichtlich nicht statt.
  • Trotzdem Details offensichtlich noch nicht klar sind und noch im kulturpolitischen Ausschuss des Landtages beraten werden, soll die Reform nach vorliegenden Informationen bereits im Frühjahr 2004 im Landtag beschlossen werden!

Warum diese unverständliche Eile? Warum sollen hier in Kürze bereits unveränderliche Tatsachen geschaffen werden, bevor über die angedachten Reforminhalte breit informiert und die Beteiligten involviert wurden?

"Pisa" ist zu lange bekannt, als dass man diesen plötzlichen Aktivismus noch damit verbinden könnte. Politische Lorbeeren sind inzwischen doch weit eher mit neuen Sparvorschlägen im Landeshaushalt zu erringen. Und just zu diesem Zeitpunkt wird nun diese bildungspolitische "Sau" durchs Dorf gepeitscht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Absicht eher eine Verbilligung als eine Verbesserung des Schulsystems ist. Nur das darf gerade jetzt kein Maßstab für eine Bildungsreform sein!

Hält man sich die übermäßige Eile, das offenkundige Informationsdefizit und die aktuell offenen Fragen vor Augen, wird man die Befürchtung nicht los, dass nicht nur die Form der Durchführung, sondern auch der Inhalt dieser Reform noch nicht wohlüberlegt sind und planlos ausgeführt werden. Die gerade beschlossene Steuerreform aber hat doch gezeigt, dass unter Zeitdruck zustande gekommene Reformen schmerzhafte (Rechen-)Fehler enthalten können. Nur diesmal könnten unsere Kinder die Zeche zahlen!

Als Mutter haben Sie für Ihre eigenen Kinder (noch im bisherigen unreformierten System) entschieden, diese aus dem staatlichen Schulsystem herauszulösen und eine Schulform zu wählen, die ganz bewusst auf "kindgerechteres Lernen", "weniger Leistungsdruck" und eine intensive Förderung auch nicht schulkernfach bezogener Fähigkeiten setzt. Für ihre eigenen Kinder wünschen Sie sich eine Erziehung zur Freiheit, die Sie offensichtlich schon im bisherigen Lehrplan nicht entdecken konnten.
Und jetzt tragen Sie als Person eine Reform, die nach den bisher bekannten Fakten vor allem dafür sorgen wird, praktisch gleich bleibende Lerninhalte in kürzerer Zeit zu vermitteln. Dies lässt befürchten, dass eine weitere Konzentration auf die unmittelbar geforderten, rudimentären Lerninhalte eintritt, der Leistungsdruck auf die Schüler weiter gesteigert wird und ausserschulische Persönlichkeitsbildung komplett auf der Strecke bleibt.

Erwarten Sie also nicht von Eltern, die für ihre Kinder, ebenso wie Sie, eine Erziehung zu einem gebildeten, vielseitig interessierten und verantwortungsvollen Menschen wünschen, sich kritiklos in eine überhastete, "von oben" verordnete Reform zu fügen.

Frau Hohlmeier, Sie selbst beklagten in Ihrem Brief an die Klassenelternsprecher der Grundschulen, die Diskussion würde "sehr emotional" und zum Teil mit "Fehlinformationen" geführt. An gleicher Stelle wünschten Sie eine Versachlichung der Diskussion.

Wenn jedoch der Eindruck entsteht ein derart wichtiges, in viele Lebensbereiche und Einzelschicksale eingreifendes Thema würde staatsautoritär und ohne ausgereiftes Konzept behandelt, so darf man sich nicht über zutiefst emotionale Reaktionen wundern.

Ihrem Wunsch nach Versachlichung der Diskussion kann ich nur zustimmen, jedoch mit einer besonderen Betonung des Wortes "Diskussion". Wie wir im Deutschunterricht gelernt haben, definiert sich eine Diskussion als "sachbezogenes Gespräch von gleichberechtigten Teilnehmern über ein umstrittenes Thema mit dem Ziel Überzeugungen zu bilden oder zu überprüfen und Lösungsmöglichkeiten zu finden. Eine wichtige Funktion von Diskussion in der Demokratie ist der Vergleich von Meinungen, um die besten Lösungen für Probleme herauszufinden".

Eine solche Art von Diskussion ist notwendig, dringend notwendig sogar und zwar rasch!

Sollten Sie jedoch unter Diskussion nur die einseitige Verkündung bereits beschlossener Vorgänge an die Betroffenen, verbunden mit dem achselzuckenden Ignorieren ernst gemeinter Sorgen verstehen, brauchen Sie sich über anhaltenden Widerstand nicht zu wundern.

Ich fordere Sie also auf, schnellstmöglich in eine ernsthafte konstruktive Diskussion mit den Beteiligten einzutreten, mit dem Ziel, eine Reform auf den Weg zu bringen, die von allen getragen werden kann und nicht sklavisch mit einem viel zu engen Zeitplan auf eine verordnete Lösung zu setzen, die später von vielen ertragen werden muss.

Mit freundlichem Gruß
Joachim Schmidt << Zurück zur Musterbrief-Übersichtsseite