G8-Protest
Offene Briefe und Musterbriefe
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Dr. Joachim Schmidt zur Gymnasialreform G8

Dr. Joachim Schmidt
Alemannenring 14
63791 Karlstein
06188 / 990062

Gymnasialreform G8

Wer die jüngste Berichterstattung über die Bildungsreform G8 verfolgt hat, kommt aus dem fassungslosen Kopfschütteln nicht mehr heraus. Da stellt sich eine Minderheit von Politikern besserwisserisch hin und verkündet der staunenden Öffentlichkeit, wie in allernächster Zukunft an bayrischen Gymnasien "gebildet" wird. Die kritische Haltung von Herrn Stoiber Expertenkommissionen gegenüber ist ja bekannt, konsequenterweise hat man offensichtlich Experten und Betroffene bei der Ausarbeitung dieser Reform ganz außen vor gelassen und stellt sie statt dessen lieber vor vollendete Tatsachen.

Warum sollen hier in Kürze bereits unveränderliche Fakten geschaffen werden, bevor über die Reforminhalte breit informiert und die Beteiligten involviert wurden? "Pisa" ist zu lange bekannt, als dass man diesen plötzlichen Aktivismus noch damit verbinden könnte. Politische Lorbeeren sind inzwischen doch weit eher mit neuen Sparvorschlägen im Landeshaushalt zu erringen. Und just zu diesem Zeitpunkt wird nun diese bildungspolitische "Sau" durchs Dorf gepeitscht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Absicht eher eine Verbilligung als eine Verbesserung des Schulsystems ist.

Übermäßige Eile und Nichtberücksichtigung begründeter Kritik sind schlechte Vorzeichen für eine erfolgreiche Reform. Das gegenwärtige "Toll-Collect"-Desaster offenbart deutlich, welches Chaos angerichtet werden kann, wenn ehrgeizige Ziele nicht im Detail mit der notwendigen Sorgfalt geplant werden, sondern zunächst nur unausgegorene Vorstellungen und feste Termine im Vordergrund stehen. Nur diesmal könnten unsere Kinder die Zeche zahlen!

Was erwartet uns denn nun mit dem nächsten Schuljahr? Ein Jahr weniger Schule, keine Qualitätsverluste, aber auch kein zusätzlicher Druck auf die Schüler? Ein frommer Wunsch, doch die dazu unbedingt notwendige saubere Detailaufplanung fehlt offenbar.
Mehr Nachmittagsunterricht, aber immer noch genügend Zeit für Wahlkurse und Freizeitangebote? Wie uns Herr Berthold Rüth belehrt, nur eine Frage des Engagements von Schülern und Lehrern. Recht hat er, die frühen Nachtstunden sind ja noch frei! Und natürlich das Schlagwort "Intensivierungsstunden". Kleine Lerngruppen mit individueller Unterstützung sowohl von Kindern mit schulischen Problemen als auch der Förderung von Hochbegabten. Wie dieses pädagogische Wundermittel jedoch umgesetzt werden soll ist offensichtlich noch keinem klar. Das überlässt man dann den einzelnen Schulen, dann haben die auch gleich den schwarzen Peter, wenn der Erfolg ausbleibt.

Jede Menge offene Fragen, die eher befürchten lassen, dass eine weitere Konzentration auf rudimentäre Lerninhalte eintritt, der Leistungsdruck auf die Schüler weiter gesteigert wird und die ausserschulische Persönlichkeitsbildung komplett auf der Strecke bleibt.

Man kann nicht von Eltern, die für ihr Kind eine Erziehung zu einem gebildeten, vielseitig interessierten und verantwortungsvollen Menschen wünschen, erwarten, sich kritiklos in eine überhastete, "von oben" verordnete Reform zu fügen. Frau Hohlmeier beklagt in Ihrem Brief an die Klassenelternsprecher der Grundschulen, die Diskussion würde "sehr emotional" geführt. An gleicher Stelle wünscht sie sich eine Versachlichung der Diskussion. Wenn der Eindruck entsteht ein derart wichtiges, in viele Lebensbereiche und Einzelschicksale eingreifendes Thema würde staatsautoritär und ohne ausgereiftes Konzept über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden, so darf man sich nicht über emotionale Reaktionen wundern. Ihrem Wunsch nach Versachlichung der Diskussion kann ich nur zustimmen, jedoch mit einer besonderen Betonung des Wortes "Diskussion". Wie wir im Deutschunterricht gelernt haben, definiert sich eine Diskussion als "sachbezogenes Gespräch von gleichberechtigten Teilnehmern über ein umstrittenes Thema mit dem Ziel Überzeugungen zu bilden oder zu überprüfen und Lösungsmöglichkeiten zu finden. Eine wichtige Funktion von Diskussion in der Demokratie ist der Vergleich von Meinungen, um die besten Lösungen für Probleme herauszufinden".

Eine solche Art von Diskussion ist notwendig, dringend notwendig sogar und zwar rasch!

Sollte sie jedoch unter "Diskussion" nur die einseitige Verkündung bereits beschlossener Vorgänge an die Betroffenen, verbunden mit dem achselzuckenden Ignorieren ernst gemeinter Sorgen verstehen, braucht Sie sich über anhaltenden Widerstand nicht zu wundern. Was wir brauchen ist eine Bildungsreform, die von allen getragen werden kann und keine übereilt verordnete Pfuscherei, die später von vielen ertragen werden muss.

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