G8-Protest
Offene Briefe und Musterbriefe
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Offener Brief des Regental Gymnasiums an Ministerpräsident Stoiber

RTG
Regental Gymnasium Nittenau

Elternbeirat
Hannes Schiessl
Ludwigsheide 50
92439 Bodenwöhr
Telefon: (09434) 90070
Elternbeirat

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
in einer Umfrage des Elternbeirates des Regentalgymnasiums in Nittenau wird das G8 von 82% der Eltern abgelehnt bei 74% Umfragebeteiligung. 8% befürworten das G8 mit der Forderung nach reduziertem Lehrstoff und nur 2% vertraut der momentanen Planung zum G8 vorbehaltlos.
Sie werden sicher mehrere derartige Umfrageergebnisse erhalten, werden sich jedoch im Grundsatz der Umsetzung davon wohl nicht beirren lassen. Wir glauben dennoch, dass ein Elternvotum, das eine noch klarere Entscheidung ausdrückt, als der Wahlsieg der CSU - bei deutlich höherer "Wahlbeteiligung" - nicht völlig wirkungslos bleibt: Dies ist kein "Forderungskatalog", den ein kleines Häufchen Elternbeirat mühsam "verabschiedet" hat, wo man vielleicht an der statistischen Relevanz der Aussage zweifeln könnte. Hier haben 423 Eltern eindrucksvoll dokumentiert, wie wichtig ihnen dieses Thema ist. Dies gilt unabhängig vom Votum zu G8 oder G9!
In dieser Frage sind Eltern aus drei Gründen nicht mit irgendeiner Lobby zu verwechseln: Erstens: Diese Eltern treten nicht für einen "Besitzstand" ein, der sich in Geld oder Macht ausdrücken lässt. Wirtschaftlich betrachtet leiden Eltern mehr unter jedem zusätzlichen Ausbildungsjahr ihrer Kinder als "der Staat". Deshalb fordern sie sicher nicht leichtfertig und auf anderer Töpfe Kosten eine unnötig lange Ausbildungszeit. Zweitens: Sie sind kaum als Lobby organisiert, müssen sich also von Fall zu Fall mühsam und spontan organisieren. Umso mehr Gewicht ist dem momentanen Protest beizumes-sen, siehe auch die sehr hohe Umfragebeteiligung. Drittens: Eltern kämpfen für das Wichtigste in ihrem Leben: Die Zu-kunft ihrer Kinder. Dabei verspürte Schmerzen sitzen tief und werden lange nicht vergessen.
Selbst wenn man sich damit abfindet, dass das G8 kommt, bedeutet das nicht, dass es "gelaufen ist"! Dem Vernehmen nach ist die Ausgestaltung im Detail ja noch nicht weit fortgeschritten. Die meisten Fragen bleiben. Das Grunddilemma, das vermutlich auch das starke Festhalten am G9 erklärt, ist ja wohl: Wie kann die bisherige Qualität des bayerischen Ab-iturs auch nur annähernd erhalten bleiben, ohne die Schüler zeitlich erheblich zu überfordern? Oder gar zuzugestehen, dass die Qualität der Bildung, mindestens aber die Quantität des Wissens abnehmen wird - als möglicherweise unausweichliches Zugeständnis an unser nationales und internationales Umfeld. Und die daraus erwachsenden Folgen zu benennen und damit konstruktiv umzugehen. Wie auch immer die Antworten ausfallen werden, sie betreffen wesentlich die Ausgestaltung des G8 im Detail und sie haben mit viel Arbeit von vielen engagierten Eltern und Lehrern zu tun. Noch könnte also der El-ternwille wie auch verstärkt Sachverstand in die Ausgestaltung einfließen. Außerdem haben wir es insgesamt mit einem Prozess zu tun, der 8 Jahre lang beeinflusst werden kann. Mit nicht trivialen Herausforderungen am Ende seiner Laufzeit, die mit forschen Statements nicht zu lösen sind.
Warum das Vorhaben G8 so überaus unvorbereitet und überhastet durchgepeitscht wird, ist bisher nicht schlüssig erklärt worden. Wenn die Art des Notstandes bekannt wäre, der Sie zu dem überhasteten Aufbruch veranlasst hat, könnte das die Akzeptanz des G8 fördern. Viele Vorbehalte gegen G8 sind aber auch auf dieses "Wie" des Einführungsprozesses zurück-zuführen. Zu befürchten ist, dass viel eigentlich vorhandenes Engagement und guter Wille bei den Betroffenen durch das unprofessionelle und unsensible Vorgehen Schaden genommen hat und nun umso mühsamer reaktiviert werden muss.
Außerdem ergibt sich daraus ein Folge-Problem anderer Qualität: Die Politikverdrossenheit wird gerade durch derartige Prozesse gefördert. Wie soll Jugendlichen Wille und Mut zur aktiven Teilnahme am demokratischen Prozess und gesell-schaftlichen Entwicklungen vermittelt werden, wenn dies schon bei einem vergleichsweise konfliktarmen Thema ohne Not (!) bis zur Unzumutbarkeit erschwert wird?
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, möge diese Nachricht von der ostbayerischen Basis die künftige Kommunikation verbessern helfen und dazu beitragen, dass Betroffene frühzeitig zu Beteiligten gemacht werden. Geben Sie dem Kultusmi-nisterium alle Mittel, um tatsächlich das G8 zu einer Investition in die Zukunft unserer Kinder werden zu lassen - die sich mit dem G9 messen kann.
Der Elternbrief mit dem Aufruf zur Meinungsabgabe und die Pressemitteilung über die Auswertung liegt bei.
Mit sorgenvollen Grüßen
Hannes Schießl, 1. Vorsitzender Elternbeirat RTG

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