G8-Protest
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Schreiben des Regental Gymnasiums an die Eltern

Sehr geehrte Eltern, liebe Schüler des RTG,

die sehr plötzliche Ankündigung der achtjährigen Gymnasialbildung (G8) durch die bayerische Staatsregierung macht es leider nötig, den (vor-)weihnachtlichen Frieden mit durchaus unangenehmem Lesestoff zu stören. Ziel ist, durch möglichst viele Unterschriften von Eltern einen Beitrag zu leisten, der zusammen mit anderen Beiträgen Einfluss auf die weitere Gestaltung der Bildungspolitik nimmt.

Vielleicht geht es den meisten von Ihnen so wie den Elternbeiräten: Wir lesen Happen zum "G8" in der Zeitung, wundern uns, denken aber, die richtigen Leute werden sich schon die richtigen Gedanken gemacht haben. Und - falls nicht - wird sich schon Widerstand regen.

Dazu möchten wir Ihnen einige aufschlussreiche Informationen der Landeselternvereinigung, des Deutschen Lehrer Verbandes, der Staatsregierung und anderer zugänglich machen. Für die Lektüre der anhängenden Seiten können wir versprechen: Sie macht sehr nachdenklich angesichts der unzureichenden Informationen, mit denen wir von den Entscheidern versorgt werden. Ebenfalls nachdenklich ist der Elternbeirat nach dem traditionellen Lehrer-Eltern-Gespräch vor einigen Tagen geblieben: Die oftmals zitierte "Fassungslosigkeit" sowohl über Vorgehen als auch Inhalt der "Reform" war mit Händen greifbar. Sehr engagierte Lehrer sind sehr verunsichert und machen sich große Sorgen über die Konsequenzen für unsere Kinder. Soviel zur Motivation, unsere und Ihre (Vor-) Weihnachtszeit zu stören.

Mit jeder Information, die mir teils offiziell zugestellt wurde, die ich überwiegend aber im Internet gefunden habe, habe ich weniger verstanden: Wieso werden so weitreichende Eingriffe in einen von den Verantwortlichen viel gelobten Schulzweig überhastet und bar jeder Information oder gar Einbindung der Schulen und Eltern einfach verkündet - nachdem sie bis kurz vor der Wahl auf explizite Nachfrage mehrfach als "kein Thema" hingestellt wurden? Wenn es das Beste ist, was man unseren Kindern angedeihen lassen kann - wieso wird es nicht als zukunftsweisender Ansatz aktiv angekündigt und sogar als Wahlkampfargument verwendet? Auch wenn es nicht das Beste sein sollte, sondern uns von anderen Bundesländern und europäischen Partnern "reingedrückt" wird, hätte man darüber reden und beraten können - hätte gemeinsam mit angemessenem Vorlauf für möglichst schmerzfreie Umsetzung sorgen können. Stattdessen wird der mit Schuljahresbeginn eingeführte neue Lehrplan für das G9! "weiterentwickelt" ("bis Frühjahr steht er", Radiosendung Antenne Bayern Samstag mittag), um die heurigen fünften Klassen nicht als isolierten Jahrgang zwischen den Welten hängen zu lassen. Wir hatten keinen Regierungswechsel und die Argumente, die für das G8 angeführt werden, sind nicht über Nacht entstanden: "Eine leidenschaftliche Diskussion, die über Jahrzehnte mit großem Engagement geführt worden ist, ist damit beendet. Die Argumente für oder gegen ein achtjähriges Gymnasium sind hinlänglich ausgetauscht. Hohlmeier 10.12. an die Schulleiter". Die einzige wirklich schnelle Entwicklung, die uns alle erreicht hat, ist der Sparzwang. Aber gerade der ist nicht der Grund! "Das neue G8 wird weder ein Spar- noch ein Notmodell werden." (Hohlmeier, 19.12. an die Vorsitzenden der Elternbeiräte) Einen Grund, wirklich schnell zu sein, habe ich am Samstag gelernt: Die bayerischen Schüler sollen als erster Doppelabiturjahrgang den Arbeitsmarkt und die Universitäten erreichen, weil sie dann bessere Chancen haben, als beispielsweise Baden-Württemberg (wo diese Last auf 4 Jahre verteilt werden soll) oder Niedersachsen. Leider wird durch dieses clevere Vorne Anstellen die Umsetzung nicht besser. Und wenn ich es recht verstehe, sind diese Entwicklungen in den anderen Bundesländern nicht erst jetzt bekannt geworden.

Vielleicht beschleichen Sie dieselben Zweifel wie mich, dass hier ein für unsere Kinder und unsere Zukunft vernünftiges Vorhaben vernünftig angegangen und umgesetzt wird? Siehe dazu auch das Grußwort von Peter Römisch, LEV anlässlich der Protestveranstaltung der BPV (Bayerischer Philologenverband), Stichwort Politikverdrossenheit.

Nun kann es aber trotzdem sein, dass das Vorhaben vernünftig ist, es nur nicht professionell angegangen wird. Selbst wenn man alle Informationen und Argumentationen verfügbar hat (was kaum ein Elternhaus haben wird), ist die Entscheidung schwer und auch sehr von der eigenen Entwicklung bestimmt. Ich habe spontane Stimmen für G8 wie G9 gehört und leidenschaftliche Meinungen von viel kürzen bis viel Bildung. Manche Meinung ist spontan, manche ist überlegt und begründet.

Und genau hier beginnt das Dilemma dieses Elternbeirates: Selbst wenn wir eine einheitliche Meinung hätten, wüssten wir nicht, wie sich innerhalb der gesamten Elternschaft die Meinungen und Zielsetzungen verteilen. Auf dieser Basis Aktionen für oder gegen die geplanten Vorhaben loszutreten halte ich nicht für sinnvoll.

Deshalb brauchen wir eine tragfähige Statistik, wofür Sie eintreten wollen, oder wofür wir in Ihrem Sinne eintreten sollen. Diese Statistik kann nur erstellt werden durch Ihre Wahl und Unterschrift auf dem anhängenden Formular. Ende Januar soll im RTG ein Projekttag für Schüler, Lehrer und Elternbeirat stattfinden mit Einbindung von Bildungsspezialisten, Politikern und der Presse. Die Menge Ihrer Unterschriften wird dabei für die Motivation der Schüler und des Elternbeirates eine wichtige Rolle spielen. Und die Statistik Ihrer Wünsche wird Richtung und Inhalt der Diskussionen beeinflussen. Und auch den Lehrern des RTG kann dadurch vermittelt werden, wo die Eltern in dieser Frage stehen. Dies ist auch für deren Rollenjustierung wichtig.

An der konkreten Umsetzung des einen oder anderen Weges an unserem Gymnasium werden wir uns sowieso beteiligen, unser Einfluss auf die Ausgestaltung durch die Verantwortlichen hängt jedoch sehr von Ihrer Rückmeldung und damit Ihrem Mandat ab! Insbesondere die Straffung des Lehrstoffes und Entwicklung hin zu mehr Methodenkompetenz, Eigenständigkeit und Persönlichkeit muss wohl intensiv begleitet werden - falls dies der Weg sein soll.

Dieses Schreiben kann, soll und darf nicht die sachliche Diskussion und Auseinandersetzung mit den Argumenten und Fakten ersetzen. Wir können Ihnen nur einen hoffentlich ausgewogenen Einblick in die Argumente geben. Leider bedeutet das viel Papier - aber noch reicht es nicht, nur einige Internet-Links anzugeben. Vielleicht kann Sie die folgende Zusammenstellung einiger vermeintlich schlüssiger Argumente animieren, in die Lektüre einzusteigen - Sie müssen ja nicht alles lesen. Auch Ausschnitte wirken schon.

Andere Länder können's ja auch (Argument europäischer Wettbewerb): Lesen Sie dazu in "Argument 6", dass die allgemeine Hochschulreife (ohne Hochschul-Zugangsprüfungen oder Vorbereitungsklassen) bis auf Belgien nirgends mit 12 Jahren erreicht wird, in einigen Ländern erst mit 14 Jahren! Lesen Sie auch den Vergleich der Gesamtstundenzahl in den Ländern. Andere Bundesländer haben entweder schon jetzt 12 Jahre oder steigen ebenfalls um: Hier sind möglicherweise bereits Fakten geschaffen worden, die Bayern tatsächlich nicht ignorieren kann.

Unsere (Akademiker-)Kinder starten erst mit 28 Jahren ins Berufsleben: Lesen Sie in "Argument 8" woran es hauptsächlich liegt. Die Berufsausbildung bei mittlerer Schulbildung dauert 13 Jahre, Hauptschule wurde um 1 Jahr und Realschule um 2 Jahre verlängert. Passt das zusammen mit G8? Siehe "Argument 4".

Nachdem aber sogar die LEV (Landeselternvereinigung) nur noch Forderungen zum G8 stellt (nach leidenschaftlicher Forderung G9!), aber die Entscheidung gegen das G9 "Pragmatischerweise" als gegeben betrachtet, könnten wir dieses Thema eigentlich verlassen? Wenn man G8 akzeptiert hat, beginnt die Arbeit der Ausgestaltung, die folgenden Problemen begegnen muss:

Überforderung unserer Kinder durch zusätzliche 4 Wochenstunden wegen kaum reduzierter Stoffmenge.

Fünftklässler werden 34 Wochenstunden (ohne Hausaufgaben) haben, kommen also insgesamt leicht auf über 40 Arbeitsstunden, bei oft schwerverdaulichem Inhalt! Interessanter Seitenblick: Das Jugendarbeitsschutzgesetz verbietet mehr als 40 Wochenstunden!

Verstärkte Auslese bei unseren Kindern und/oder physische oder psychische (Spät-)Folgen.

Die seit langem zu großen Klassen werden bei dieser Zuspitzung noch weher tun, den Schülern und den Lehrern - und durch überforderte Lehrer noch mal verstärkt den Schülern.

"Nebenbeschäftigungen" unserer Kinder von Konzert- und Chordarbietungen, Theaterspiel, Sport in Schule oder gemeindlichen Vereinen bis hin zu Feuerwehr werden aus Zeitgründen ein gutes Stück seltener vorkommen. Interessant ist hierbei noch die zeitliche Verquickung des G8-Beschlusses mit dem nicht sehr motivierend kommunizierten Lehrer-sollen-auch-arbeiten-wie-andere-Menschen Programm: Auch die schulischen Angebote in dieser Richtung werden wohl zurückgehen. Mal, weil die Belastungsgrenze erreicht ist und mal, weil die Motivationsgrenze erreicht ist.

Bei den Forderungen zur Ausgestaltung des G8 haben wir so was wie die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder weniger Stoff und damit sehr wahrscheinlich gesonderte Aufnahmeprüfungen zu den Universitäten (einschließlich kostenpflichtiger? Vorbereitungskurse?) oder gleicher Stoff und damit verbreitete Überforderung der Kinder. Oder - noch schlimmer - wir bleiben in der Mitte: Kürzen ein Wenig den Stoff (vielleicht in den "Nebenfächern"?), überfordern die Kinder nur etwas mehr als bisher und bekommen trotzdem eine Universitätszugangshürde nach der anderen.

Man kann diese Probleme für realistisch oder überzogen halten: Diejenigen, die mit einem Kind in der fünften Klasse am wenigsten die zukünftige Wirkung auf ihr Kind abschätzen können, sind am stärksten betroffen, sie werden G8 haben. Sie werden Ihre Stimme wohl abgeben. Aber jetzt sollen sich die Eltern von 6-13 Klasslern bitte nicht von Unterschriftsblatt und Lektüre abhalten lassen: Sie wissen fundierter und fühlen tiefer, worum es gehen kann.

In diesem Sinne hoffe ich auf Ihre Rückmeldung sofort nach den Ferien und wünsche Ihnen besinnliche und heitere Stunden mit denen, um die sich vieles in unserem Leben dreht - mit Ihren Kindern. Falls diese ihre Meinung für sich selbst kundtun wollen: Einfach Unterschriftsblatt kopieren und als Schülermeinung kenntlich machen.

Hannes Schießl, Vorsitzender Elternbeirat RTG

Bodenwöhr, 21.12.03

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