G8-Protest
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"Bayerischer Staat quälte jahrelang Schüler mit Überdosis Ballaststoff"

Sehr geehrte Frau Kultusministerin,

zur Vorbereitung auf die angekündigte Informations-Veranstaltung in den Gymnasien zur Umsetzung G8 bitte ich um folgende Auskunft:
Worauf basieren die Aussagen zur Kürzung des Lehrplanes um 50% bzw nochmals 10%? Wenn diese Zahl seriös sein soll, muss sie sich auf die Zeit zur (nachhaltigen!) Vermittlung der Wissenselemente beziehen.

Ich kenne bisher nur die kursierenden Behauptungen, lediglich die Ebene 4, also die Umsetzungsanleitung des bisherigen Lehrplanes, sei entfallen und der Lehrplan sei in kleinerer Schrift gedruckt worden (800 anstatt 1600 Seiten). Die wenigen substantiellen Beispiele, die man im Internet oder in Zeitungen aufschnappen kann (eine Lektüre in einer Klasse weniger, eine Erörterung gestrichen oder: Wenn etwa für den Geschichtsunterricht zum Thema Französische Revolution früher Details wie der "Entwurf eines Zeitbildes: revolutionärer Alltag in Paris" eingeplant waren, ist jetzt schlicht "Revolutionskriege, Republik und Jakobinerherrschaft" angeordnet - zitiert aus jetzt.de) lassen keineswegs solche Kürzungsdimensionen erahnen.

Gibt es eine Delta-Liste, also eine Auflistung des entfallenen Stoffes? Sie haben sicher Verständnis dafür, daß sich ein Elternbeirat nicht selbst die Mühe machen kann, die beiden Lehrpläne durch Gegenlesen zu bewerten.

Als Diplomingenieur Elektrotechnik (TUM) mit bayerischem Abitur, selbständiger Unternehmer und Unternehmensberater trete ich naturgemäß für mehr "Methodenkompetenz" und weniger Detailwissen ein. Auch liegt bei mir die Priorität auf der Vermeidung von zuvielen Stunden, also auf der Sicherstellung eines kindgerechten Alltags.

Dennoch gehe ich nicht davon aus, dass bei sonst gleichen Rahmenbedingungen das Gymnasium nun eigentlich in knapp 5 Jahren beendet sein könnte. Also muß die "eingesparte Zeit" in Vertiefung, Wiederholung, Anwendung des Wissens, Methodenkompetenz fliessen. So schön es im Ansatz wäre - dieses Schlaraffenland sehe ich noch nicht angebrochen. Und bei allem Mut zur Lücke: Wir beide glauben nicht wirklich, dass Wirtschaft und Universitäten mit 60% weniger Wissen als bisher zufrieden sein können. Von einer tragfähigen Bildung für die künftige Elite würde ich nicht mal träumen mögen.

Auch der Umkehrschluß bereitet mir Kopfzerbrechen: War dann wirklich 60% des bisherigen Stoffes "Ballast"? Das wäre ja ein Fall für Amnesty International: "Bayerischer Staat quälte jahrelang Schüler mit Überdosis Ballaststoff". Im Ernst: Als Vater zweier Nicht-Musterschüler (an den Noten gemessen) habe ich - mich eingerechnet - bisher fast 26 Jahre Gymnasium erlebt. Dabei haben wir oft über "zuviel Stoff" gejammert und die Frage nach dem Wozu gestellt. Aber gut die Hälfte war's wohl doch nicht?

Für den Fall, daß Sie bei den 60% bleiben: Wieso ging die Stundenanzahl für den neuen veralteten Lehrplan hoch und wieso geht sie nochmals hoch für's G8? Irgendwie klingt das ja so, als würde immer mehr gespart werden, aber trotzdem die Steuern steigen! Wobei ich letzteres noch eher verstehe als ersteres. Trotz solider bayerischer Ausbildung. War wohl doch zuviel Ballast?

Mit erwartungsvollen Grüßen
Hannes Schießl
Vorsitzender Elternbeirat Regental-Gymnasium Nittenau

Tel 09434 90070, Fax 09434 90071

info@CampingWeichselbrunn.de

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