G8-Protest
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"Brief an den Landtagsabgeordneten Herrn Hintersberger"

Sehr geehrter Herr Hintersberger,

die aktuelle Debatte um die Einführung des G-8 veranlaßt mich unter verschiedenen Aspekten, dazu Ihnen als dem von mir gewählten Landtagsabgeordneten meine Bedenken und meinen Protest vorzutragen.

1. als Sohn eines (pensionierten) Gymnasiallehrers, Bruder dreier Lehrer (davon 1 Bruder im Gymnasium) und zuvorderst als Ehemann einer Gymnasiallehrerin für Musik am hiesigen Gymnasium bei St. Anna

2. als Vater eines achtjährigen Mädchens, das z. Zt. die Franz-von-Asissi-Schule besucht und das wir zu gegebener Zeit möglichst auf das Gymnasium schicken möchten.

3. Als ehemaliger humanistsich-neusprachlicher Gymnasiast und nun als Unternehmer (Musikverleger) und nicht zuletzt als Mensch und Staatsbürger.

zu 1.: Durch die enge verwandtschaftliche Nähe zu im Lehrerberuf tätigen Menschen weiß ich sehr wohl um die Arbeits-Belastung eines (Gymnasial-)Lehrers.
Unterstellt, auch die politischen Entscheidungsträger gehen von einem Lehrerbild aus, in dem der Pädagoge sich ernsthaft und gewissenhaft auf seinen Unterricht vor- und diesen auch nachbereitet, und in dem er auch dem pädagogischen Auftrag insoweit gerecht wird, als er über die Wissensvermittlung hinaus freiwillige Aufgaben übernimmt, so kommt diese Lehrkraft ohne Weiters auf eine Wochenarbeitszeit von weit über vierzig Stunden.
Hinzu kommen Präsenzpflichten für Konferenzen, Schulveranstaltungen, Klassenfahrten usw. Ich denke, den Dienst-nach-Vorschrift-Lehrer haben auch Sie als Politiker nicht als Vorbild vor Augen.
Vor nicht allzu langer Zeit war landauf, landab in der Presse zu lesen, welchen psychische und physische Belastungen Lehrer im Beruf ausgesetzt sind. Dies hatten unabhängige Studien bewiesen. Nun kommt nach der vorgesehenen Nachmittagspräsenzpflicht, geplante höhere Stundenzahl auch noch die Planung des G-8! Maßnahmen, die sicher nicht zur Entlastung sondern vielmehr zur Überlastung all der Lehrer führen, die ihren Beruf gewissenhaft und verantwortungsvoll ausüben. Sollen diese nun bis zur letzten Lehrkraft demotiviert und vorzeitig abgewrackt werden?
In unserem ganz individuellen Fall sieht es - trotz einer reduzierten Stundenzahl meiner Frau - in der Praxis so aus, daß wir uns unter der Woche keinen gemeinsamen Abend gönenn können. Feierabend ist frühestens um 22:00 Uhr. Und auch die Wochendenden sind massiv mit beruflichen Aufgaben belastet. Es müssen Schul- und Weihnachtskonzerte vorbereitet werden, Elternabende gestaltet und und und... Diese Sonderveranstaltungen werden bald nicht mehr möglich sein - auch weil, wie ich vom Hörensagen weiß, das Beispiel Thüringen zeigt, daß dort in einigen hundert Gymnasien gerade einmal noch zehn Schulorchester existieren. Dies, weil für die Wahrnehmung zusätzlicher Unterrichtsangebote den Schülern keine Zeit mehr bleibt.
Und vielleicht liegt es daran, daß ich das neunjährige Gymnasium absolviert habe: aber ich kann wirklich keine Logik darin erkennen, daß nun über Jahre hinweg der schlechte Bildungsstand in Deutschland beklagt wir, PISA als Menetekel überall auftaucht, und nun die Schulzeit noch verkürzt werden soll. Ich meine, um den "Schiefen Turm" zu stabilisieren, braucht es keine Verdünnung sondern vielmehr eine solide Stabilisierung des Fundaments!

Zu 2.: Außerdem ist meine Frau auch noch mit Freude und engagiert Mutter und wenn das Resultat des G 8 sein wird, daß Kinder noch weniger von ihren (Lehrer-)Müttern betreut werden, (weil beide noch weniger zuhause sind) und in offizielle, staatliche Obhut gegeben werden, erinnert mich das in fataler Weise an das, was uns in meiner Kindheit, zur Zeit des "Kalten Krieges", als abschreckendes Staatsbild des DDR-Sozialismus vorgeführt wurde: die Kinder werden der Familie entwöhnt und zu funktionierenden Staatsbürgern gemacht. Wir haben unsere Tochter (im August geboren) bewußt nicht vorzeitig einschulen lassen, weil, um es pauschal und abgekürzt zu sagen, die Kindheit so schon früh genug endet. Ob ein Abiturient mit 17 bis 18 Jahren die entsprechende Reife, Weisheit und den Überblick darüber hat, welche berufliche Laufbahn er einschlägt, sei dahingestellt. Sicher: ein AzuBi muß sich auch schon früher entscheiden. Aber die Realität ist doch heute schon, daß aus Unentschlossenheit immer häufiger auf das Abitur noch ein Au-Pair-Jahr oder sonst ein bis zwei Schaltjahre eingefügt werden, bis man ans Studieren geht. Also, was soll's?
Wir möchten jedenfalls, daß unser Kind eine Jugend verbringen darf, in der es nicht nur lernen muß, sondern auch leben darf. Dazu gehört u.a. bei ihr der nichtschulische Klavierunterricht (immerhin bereits mit 6 1/2 und 7 1/2 Jahren Preisträgerin "Jugend musiziert"), wohl auch einmal die Ministrantenstunden in der Pfarrjugend und ähnliches gilt ja auch für sportliche Aktivitäten, Rot Kreuz, Malteser, soziales, vielleicht auch politisches Engagement usw. Ich sehe die Lücke zwischen geforderter Familienfreundlichkeit und praktizierter Politik immer weiter auseinanderklaffen.

Zu 3: Vieles ist in 1 + 2 schon angesprochen. Die musische Erziehung (die ja auch nachgewiesenermaßen zur positiven Entwicklung der Lernfähigkeit in anderen Sparten beiträgt) bildet das Individuum aus und sie scheint mir in der geplanten Schulform nur noch peripheren Raum zu bekommen - wenn überhaupt.
Wo also soll das "Volk der Dichter und Denker" - und der Musiker und Philosophen! - die Chance bekommen, diesen Schatz an Werten weiter zu pflegen? Und mit Blick z.B. auf meine Firma aber auch den öffentlichen Kulturbertrieb die Frage: wo rekrutiert sich beispielsweise mein Publikum, das klassische Musik aktiv betreibt und auch hört? Bei Dieter Bohlen im Privatfernsehen oder im Urwald?

Was meiner Meinung nach aus vordergründigen, von der Ökonomie bestimmten Gründen als Stein der Weisen propagiert wird, wird sich meiner Überzeugung nach zum Rohrkrepierer entwickeln:

  • Weder Lehrer noch Schüler noch Elternvertretungen sind für die Einführung des G 8, wohl aber die Wirtschaftsbosse. Demokratie?
  • Pisa-Studien werden nicht besser ausfallen - warum wohl war Bayern mit G 9 den anderen voraus?
  • Die Allgemeinbildung verflacht immer mehr, wir züchten Fachidioten
  • Lehrer werden demotiviert
  • Familien sind nur noch Ess-, Putz- und Schlafgemeinschaften
  • Abiturienten werden sicher zum größten Teil nicht früher, dafür vielleicht frustrierter ins Berufsleben eintreten - oder arbeitslos werden.
Für dieses Schuljahr erschien ein völlig neuer Lehrplan, ausgerichtet am G 9. Soll der nun schon wieder Makulatur sein?
Als vor einigen Jahren bspw. der Musik-Lehrplan völlig umgekrempelt wurde, war gerade im Jahr davor der letzte Band der Schulbuchreihe "Musicassette" erschienen, die daraufhin, ein Jahr später, wieder eingestampft werden durfte. (Und die Lehrer mußten wieder mühsam eigene Schablonen und Folien erstellen) Die neue Rechtschreibung hat ebenfalls die Herstellung neuer Schulbücher nach sich gezogen.
Und nun wird schon wieder eine Investition - die Entwicklung neuer Lehrpläne ist sicher nicht umsonst zu haben - nach einem Jahr auf den Müll gefahren. Auch als Steuerzahler habe ich dafür kein Verständnis.
Auch nicht für die Vor-der-Wahl-/Nach-der-Wahl-Kehrtwende der Staatsregierung.

Ich bitte Sie als Wähler Ihres Wahlkreises also, aus diesen genannten Gründen und aus vielen anderen nicht genannten, gegen die Einführung des achtjährigen Gymnasiums zu stimmen.

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Ballinger-Amtmann

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