G8-Protest
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Aus "Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung" vom 27. Dezember 2003

Gymnasium G8 - pädagogisch ein Desaster

800 Stunden Unterricht verschwinden
Von Josef K r a u s , Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), und
Heinz-Peter M e i d i n g e r , amtierender Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV)

Das neunjährige bayerische Gymnasium ist das Flaggschiff des Schulwesens in Deutschland. Es hat in Vergleichsstudien (TIMSS oder PISA) hervorragend abgeschnitten: Die Gymnasien zwischen Spessart und Karwendel stehen unter allen Gymnasien Deutschlands an der Spitze und sie liegen 50 PISA-Punkte vor dem PISA-Sieger Finnland.

Damit wird es in Zukunft vorbei sein, denn das bayerische Gymnasium wird um ein Jahr zum "G8" verkürzt. Im Zuge dieser Maßnahme verschwinden mehr als 300 Stunden Unterricht in der ersten Fremdsprache, bis zu 300 in Mathematik und über 200 im Fach Deutsch. Die von den G8-Initiatoren erfundenen "Intensivierungsstunden" können diese Verluste nicht auffangen. Realpolitisch betrachtet sind dies Sollbruchstellen für Einsparungen. Die G8-Schüler sollen außerdem ab Klasse 9 bis zu drei Nachmittage Unterricht und damit inkl. Hausaufgaben mehr Belastung haben als ihre Eltern mit ihrer 35- oder 38-Stundenwoche. Das ist der Tod der Schulkultur; nur wenige Schüler werden dann noch Zeit finden, ins Orchester oder in die Theatergruppe zu gehen. Thüringen mit seinen acht Jahren Gymnasium steht als Beispiel für solche Verarmung: Von 110 Gymnasien dort haben ganze elf ein Orchester.

Das G8 ist aber nicht nur pädagogisch ein Desaster, es ist auch ein politisch-kommunikatives. Bis zur Landtagswahl vom 21. September 2003 vertrat die Staatsregierung das neunjährige Gymnasium. Damals erklärte die CSU: G8 sei kein Thema. Dann aber wird verkündet: Über das G8 sei jahrelang diskutiert worden, deshalb sei die Diskussion jetzt "beendet". In der Religionspsychologie würde man die Vehemenz, mit der alte Grundsätze solchermaßen über Bord geworfen werden, als Konvertiteneifer bezeichnen. Und auch sonst reibt man sich die Augen: Da muss doch tatsächlich die Diskussion, die es etwa im Saarland gab, als Diskussionsersatz herhalten. Selten wohl war bajuwarisches Selbstbewusstsein so gering, dass man glaubte, andere Länder zum Maßstab für Bayern machen zu müssen.

Oder ein anderes Kommunikationsdesaster: Durch Indiskretion kommen Mitte Dezember die G8-Stundenpläne ans Tageslicht; man hatte sie wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit Mitte Januar 2004 auf der Kreuther Klausursitzung der CSU-Fraktion "durchziehen" wollen. Jetzt, nachdem sie durchgesickert sind, gelten diese Pläne plötzlich nur noch als Diskussionsgrundlage.

Oder: Im internationalen Vergleich seien deutsche Hochschulabsolventen um rund vier Jahre älter und damit weniger konkurrenzfähig, argumentiert die Staatsregierung. Aber auch das ist eine Fehlinformation: Denn man nimmt hier den ungünstigsten Fall eines deutschen Absolventen (28 Jahre alt) und den günstigsten Fall eines englischen (24 Jahre). Verschwiegen wird dabei, dass ein erheblicher Anteil deutscher Absolventen 23 Jahre alt ist, nämlich die der Fachhochschule. Und vergessen wird, dass auch in Deutschland genügend junge Leute ihre Universitätsexamen mit 24 Jahren machen.

Bei einem so desolaten Informationsmanagement bleiben Flurschäden nicht aus. Den geballten Zorn von Schulfamilien gegen Landesregierungen kannte man bislang nur von zurückliegenden Schulkämpfen in Hessen oder NRW. Der Zorn der bayerischen Gymnasialeltern, der demnächst betroffenen Grundschuleltern, der Gymnasiallehrer und auch der Gymnasiasten wird jedenfalls die Weihnachtszeit überdauern - manche sagen: selbst die Europa-Wahl 2004. Immerhin sind es sogar die gegenüber bayerischer Schulpolitik bislang Loyalsten, die ihren Widerspruch gegen das G8 erheben, und selbst CSU-Arbeitskreise lehnen die neuen Stundenpläne mit großer Mehrheit ab.

Bei PISA 2006 wird sich die bayerische G8-Politik vielleicht noch nicht niederschlagen, aber bei späteren Untersuchungen; dann aber stehen die politisch heute Verantwortlichen längst nicht mehr in Verantwortung. Den bleibenden Schaden einer solchen Politik des "Basta" hat dann jedoch nicht nur das Gymnasium, sondern auch die demokratische Kultur gehabt.

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