G8-Protest
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Main Echo, Aschaffenburg vom 17.01.04

»Lange genug geduckt«

Fast 4000 Demonstranten gegen Bildungsreform in Aschaffenburg

Aschaffenburg. Es war die größte und lauteste Demonstration, die Aschaffenburg seit Jahren gesehen hat: Nach Polizeischätzung gingen gestern bis zu 4000 Schüler und Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte auf die Straße, um gegen die Einführung des achtjährigen Gymnasiums in Bayern zu protestieren. Dem Sternmarsch der Gymnasien folgte eine Kundgebung auf dem Marktplatz.

»Wir haben lange genug geduckt, jetzt wird endlich aufgemuckt«: Schüler eröffneten den Reigen der Redner. Vincent Steinl (Bezirksschülersprecher für die Gymnasien), Eva Koll (Aschaffenburger Schülervertretung) und Annika Jäkel (für die Grundschulen) machten deutlich, weshalb Kinder und Jugendliche das achtjährige Gymnasium ablehnen.

Zwar lasse sich über konkrete Pläne wenig sagen, weil das bayerische Kultusministerium seine Pläne grundsätzlich nicht mit Schülen abspreche und in diesem Fall nicht einmal richtig ausgearbeitet habe. Erkenntbar sei aber, dass durch die Verkürzung der Gymnasialzeit bei gleichzeitiger Erhöhung der Wochenstundenzahl der Leistungsdruck erneut zunehme, obwohl bayerische Schüler bereits an der Leistungsobergrenze arbeiteten. Das werde zu einer weiteren Auslese führen. Die Undurchlässigkeit der Schulsysteme in Bayern werde wachsen, außerschulisches Engagement von Gymnasiasten vernichtet.

Mit der ebenfalls geplanten Reform der Oberstufe werde die einzige Wahlmöglichkeit beseitigt, die bayerischen Gymnasiasten noch geblieben sei: die Wahl der Kurse. Mehr Mitsprache und Demokratie an Bayerns Schulen waren denn auch wesentliche Forderungen der Schülervertreter. Neben dem achtjährigen Gymnasium lehnten sie das geplante »Büchergeld« und weitere Belastungen der Lehrer ab.

Deren Urteil ließ nicht lange auf sich warten: »Der Beschluss der CSU-Landtagsfraktion bedeutet: Das gute bayerische Gymnasium, laut PISA weltweit an der Spitze, wird es nicht mehr lange geben«, rief Richard Kerler (Philologenverband) ins Mikrofon, »das Recht auf eine gute Bildung ist akut gefährdet.« Immerhin habe Ministerpräsident Stoiber mit nur einem Satz in seiner Regierungserklärung vom 6. November etwas Einmaliges geschafft: »Eltern, Lehrer und Schüler halten zusammen gegen die falsche Politik der Staatsregierung.«

Recht gab er den Schülern, was die befürchtete Auslese betrifft: Das habe sich im Saarland gezeigt, wo das G8 seit acht Jahren getestet wird.

Schlagzeilen aus dem Saarland zitierte Birgit Graß (Personalrat): »Eltern klagen über Turbo-Abi«. Dennoch wolle Bayern die eigenen Schulversuche nach nur zweieinhalb Jahren einstellen und das G9 abschaffen, das Kultusministerin Hohlmeier noch vor einem Jahr in Hösbach als »Vorzeigemodell« gepriesen hatte. Lehrpläne fehlten, es gebe nur Versprechungen - denen niemand glaube, nachdem Stoiber vor der Bayernwahl versprochen hatte, er halte am neunjährigen Gymnasium fest.

Wer könne auch einem Schulsystem vertrauen, dessen Ziel sich von vorne herein nur durch »Intensivierungsstunden« erreichen lasse? Den Lehrern werde die spaltende Aufgabe zukommen, die Klassen für diese Stunden in gute und schlechte Schüler zu unterteilen.

Die Vermutung der Personalrätin: »Die Politiker brauchen jüngere Abiturienten, damit sie sich ihre Altersversorgung sichern können.« Die Lehrer lehnten es ab, die Schüler ausschließlich zu »wirtschaftlich verwertbaren Wesen« zu erziehen. Schon jetzt fehle es den Gymnasien an Zeit zur Persönlichkeitsbilung.

Elternsprecherin Andrea Wacker teilte die Befürchtungen. Sie forderte ein schlüssiges Konzept und einen realisierbaren Zeitplan für die Einführung des G8. Das Verhältnis von Stoff und Stundenzahl müsse stimmen. Sorgen macht den Eltern der Blick in die Zukunft: Es bedürfe einer klaren Antwort auf die Frage, wie in acht Jahren der doppelte Abiturjahrgang aufgefangen werden soll.

»Lernen braucht Zeit«, so Reinhard Frankl (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft). Seine Forderung: »Weg mit allen Plänen zur Schulzeitverkürzung!« Frankl untermauerte die Beiträge der Vorredner mit Zahlen. Darüber hinaus lehnte er auch die Zulagenkürzung und die Arbeitszeitverlängerung ab, die für bayerischen Lehrer geplant sind.

Peter Freudenberger
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Marx und Murks suspekt, Bildung zu Grabe getragen

Schüler, Lehrer und Eltern: Unmut über Staatsregierung

Aschaffenburg. Mit Trillerpfeifen, Trommeln und Rasseln, mit einer Unmenge bunter Transparente und phantasievollen Auftritten machten Schüler, Lehrer und Eltern gestern ihrem Unmut über Bayerns Staatsregierung Luft. Hauptthema, aber nicht das einzige, war die Einführung des achtjährigen Gymnasiums.

Stefan (17), Marcel und Thomas (beide 15) vom Aschaffenburger Dessauer-Gymnasium waren mit nacktem Oberkörper zum Schlossplatz gekommen. Auf dem Transparent, das sie über der Rednertribüne aufhängten, war der Grund dafür zu lesen: Die »Abschaffung der Lehrmittelfreiheit kostet uns das letzte Hemd«. Thomas, der als Tutor Fünftklässler betreut, war einer der vielen älteren Schüler, die sich mit den nun betroffenen Kindern solidarisch zeigten. Auch Realschüler prangerten an, dass bei der Bildung »am falschen Ende gespart wird«, wie Martin von der Aschaffenburger Knabenrealschule sagte.

Gymnasiastinnen der Aschaffenburger Maria-Ward-Schule trugen demonstrativ »die Bildung« in einem schwarzen Sarg zu Grabe. Die Mädchen hatten sich besonders ins Zeug gelegt. So zogen sich Lena, Christina und Cäcilia mit etlichen Freundinnen Badekappen, Taucherbrillen und Schwimmflügel an und schwenkten ein Plakat »Bildung geht baden!«. Die 5a verteilte Handzettel mit ihren Argumenten gegen das G8: »Denn Schule soll doch Spaß machen, oooooder?« Während Pink Floyds »The Wall« aus den Lautsprechern tönte, wurden Transparente geschwenkt: »We don't need no EDIcation!« (frei übersetzt: »Wir brauchen keine Erziehung auf Edi-Art!«).

An den bayerischen Ministerpräsidenten persönlich war einiges adressiert - »Stoiber - Bildungsräuber!« - und auch an die Kultusministerin: »G8 macht Hohl,meier«. Polemisches war zu lesen: »Kürzt euch doch selbst weg«, »Ihr Freizeitkiller redet Schrott«, »Wir sind doch keine Lernmaschinen«. Auch hübsch verpackte Begründungen wurden geliefert: »2 fast 2 furious« - zu schnell und zu heftig werde die Neuerung eingeführt.

Alfred Streib, Familienseelsorger in Aschaffenburg und Vater einer Elftklässlerin, nannte das Vorgehen der Staatsregierung »absolutistisch« und einen »Schnellschuss«, auch wenn er grundsätzlich nicht gegen eine Verkürzung der Schulzeit sei. Doch Streib befürchtet, dass den Gymnasiasten keine Zeit mehr für ehrenamtliches Engagement bleibt.

»Eine Unverschämtheit«

»Überstürzt, ohne Konzept, völlig undemokratisch«, waren die Vorwürfe vieler Eltern an die bayerischen Bildungspolitiker. Der Elternbeirat des Hösbacher Hanns-Seidel-Gymnasiums (HSG) hatte eigens einen Bus finanziert, um die Demonstranten nach Aschaffenburg zu befördern. Auch vom Alzenauer Spessart-Gymnasium waren Schüler, Lehrer und Eltern gekommen.

Eine Mutter aus Goldbach nannte es »eine Unverschämtheit«, dass sie und ihre beiden Kinder vor vollendete Tatsachen gestellt worden seinen. Am Kronberg-Gymnasium in Aschaffenburg gebe es keine richtige warme Mahlzeit für die Fünftklässler, wenn sie nun über Mittag in der Schule bleiben müssten. Jeden Tag Würstchen, Pizzatasche oder Leberkäsweck - das sei ungesund. Ein Elternpaar aus Sailauf-Eichenberg, dessen Kinder ins Gymnasium nach Hösbach gehen, fühlt sich »angelogen«. Wenn es gewusst hätte, was komme, hätten es die Tochter, die im Juli geboren und jetzt in der fünften Klasse ist, ein Jahr früher eingeschult.

Auch Lehrer machten kein Hehl aus ihrer Meinung. Zwei Kollegen vom Aschaffenburger Kronberg-Gymnasium schwangen ein Transparent: »Uns war Marx suspekt - uns ist Murks suspekt«. Die Lateinlehrer Bernd Gebert vom HSG und Dr. Matthias Ludolf vom Kronberg-Gymnasium stießen beide ins gleiche Horn: Die Regierung mache es sich zu leicht mit ihrem Argument der »Entrümpelung« des Lehrplans. Latein sei bereits auf ein Minimum abgespeckt, nun seien Inhalte in Gefahr. Ebenfalls auf ein Minimum sinken könnte nach Ansicht Ludolfs außerschulisches Engagement der Schüler. Und: Die vor einigen Jahren von München auf den Weg gebrachte »innere Schulentwicklung« habe sich nun wohl erledigt.

Melanie Pollinger
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