G8-Protest
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Br-online, 19.Januar 2004

Lehrer entsetzt über kürzere Gymnasialzeit

Was die Staatsregierung als großen Wurf feiert, treibt vielen bayerischen Gymnasiallehrern die Zornesröte ins Gesicht. Die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) sei undurchdacht und überstürzt vollzogen worden, kritisieren die Pädagogen. Und auch die Opposition übt heftige Kritik an den Beschlüssen der Regierung.

Die Beschlüsse zum künftigen G8 seien "an Verwirrung nicht mehr zu überbieten", empörte sich der Bayerische Philologenverband. Die CSU sei dabei, "sich von dem Ziel eines qualitätsvollen Gymnasiums" zu verabschieden, sagte Verbandschef Max Schmidt. Wegen der drohenden "totalen Demontage" sagte der Verband am Donnerstag kurzfristig ein Treffen mit Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) ab. Grüne: "Schwarzer Tag für die Bildung" Eine Breitseite gegen die Staatsregierung schoss auch der Deutsche Lehrerverband. Dessen Präsident Josef Kraus bezeichnete die Einführung der kürzeren Gymnasialzeit als "pädagogisches Desaster" und einen "gravierenden Verstoß gegen die demokratische Kultur". Wie nicht anders zu erwarten, schloss sich die Opposition der Kritik an. Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause äußerte sich "schockiert" und sprach von einem "schwarzen Tag für die Bildung". Die SPD warf der CSU vor, "selbstherrlich über die Köpfe der Demonstrierenden hinweg" zu regieren.

Lehrstoff wird insgesamt um 60 Prozent gekürzt

Zusammen mit dem neunten Schuljahr wird an den bayerischen Gymnasien auch weiterer Schulstoff gestrichen. In den vergangenen drei Jahren sind die Vorlagen für die Lehrpläne bereits um die Hälfte reduziert worden, nun kommen weitere zehn Prozentpunkte hinzu. Das Problem allerdings: Im Schulalltag sind die entrümpelten Lehrpläne in vielen Fächern - wie etwa Deutsch oder Geschichte - noch gar nicht umgesetzt worden, sodass insgesamt eine Reduzierung des Stoffs um 60 Prozent bevorsteht. Die Entscheidung über die praktische Ausgestaltung soll im Februar fallen.

Zauberformel "G8": Das steckt dahinter

Mit der Einführung des G8 betritt der Freistaat Bayern kein Neuland: Mit Ausnahme von Berlin und Brandenburg haben die neuen Bundesländer nach 1989 die Tradition des achtstufigen Gymnasiums beibehalten und wollen auch weiterhin daran festhalten; 1999 schloss sich das Saarland an. Im Schuljahr 2004/05 soll das G8 außer in Bayern auch in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hamburg und Bremen eingeführt werden. Allerdings haben die meisten Länder bereits mehrjährige Erprobungsphasen hinter sich.

Im bayerischen G8 haben die Schüler nach vorläufiger Planung vier Stunden mehr Unterricht pro Woche. Insgesamt erhalten sie aber mit 212 Wochenstunden von der fünften bis zur zehnten Klasse weniger Unterricht als am neunjährigen Gymnasium (230 Wochenstunden). Der neue, bereits "entrümpelte" Lehrplan sei aber durchaus für das G8 tauglich, heißt es im Schulministerium.

Ein "Spareffekt" ist dabei kurzfristig allerdings nicht zu erzielen: Zur Umsetzung sind sogar zusätzliche Lehrkräfte erforderlich. In den staatlichen Schulen will die Landesregierung ihren Mehrbedarf durch die Erhöhung der Pflichtstunden für die beamteten Lehrkräfte ausgleichen. Die Träger der etwa 100 privaten Gymnasien können dagegen die Unterrichtsverpflichtung ihrer Lehrkräfte nicht ohne Tarifverhandlungen ausweiten. Ungelöst ist auch das Problem, wie die Hochschulen den Ansturm bewältigen werden, wenn im Jahr 2013 in Bayern gleichzeitig zwei Abiturienten-Jahrgänge abschließen.

Jenseits solcher praktischer Überlegungen zur Umsetzung führen Kritiker auch grundsätzliche pädagogische Bedenken gegen die Schulzeitverkürzung an: Der intensivierte Unterricht erhöhe den Leistungsdruck auf die Schüler; weniger kreativer Freiraum, mehr Auslese und eine höhere Zahl von "Sitzenbleibern" seien die Folge.

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