G8-Protest
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Pegnitz Zeitung vom 21.Januar 2004

Für ein Schulsystem, das Schülern dient

LAUF (ik) - Wenn neun Referenten von verschiedenen politischen Parteien, Verbänden und Schulen auf einem Podium sitzen und sich fast ausnahmslos einig sind, dass etwas schiefläuft, dann ist das schon ungewöhnlich. Und wenn gleichzeitig mehr als 300 Eltern, Lehrer und Erzieher aus dem Landkreis trotz Schneetreibens in einer kalten Aula zusammenkommen und sich nach drei Stunden fast ausnahmslos einig sind, dass etwas schiefläuft, dann müssten diejenigen, um die es geht, das eigentlich als Gradmesser dafür nehmen, dass schleunigst etwas zu ändern ist.

So gesehen hat die Podiumsdiskussion in der Laufer Bertleinaula über die Einführung des achtstufigen Gymnasium und das Vorziehen des Einschulalters auf fünf Jahre, zu der der Kreisverband Nürnberger Land des Bayerischen Elternverbandes am Montag eingeladen hatte, ein sehr klares Ergebnis gebracht. Auch wenn diejenigen, die dem Auditorium Rede und Antwort standen, dies mangels Informationen aus München nur bedingt tun konnten.

"So nicht Frau Hohlmeier" lautete dennoch die Botschaft des Abends und die fand Eingang in Unterschriftenlisten, die in diesen Tagen ans Kultusministerium gehen und in einer Resolution, die einen Aufschub des Projektes G8 fordert.

Die wichtigsten Positionen und Kritikpunkte des Abends: Christina Diener, CSU: Die Kreisrätin hatte am Montagabend einen schweren Stand und wurde von vielen Seiten attackiert. Als Vertreterin der CSU hatte sie die Entscheidung des Kultusministeriums zu verteidigen, ohne nach eigenem Bekunden Details der G8 zu kennen, weil diese erst im Februar bekannt geben werden. Diener warb aber dafür, die Entscheidung nicht als Gefahr, sondern als Chance zu sehen, die Gymnasien zu reformieren und sich dadurch in Sachen Bildung "an die Spitze zu stellen". Sie betonte, die G8 sei nicht "erst seit gestern da", sondern von langer Hand geplant. Gemessen an den Veränderungen, die bereits in diesem Schuljahr durch die Neugestaltung des Lehrplanes an den Gymnasien eingetreten seien, seien die zu erwartenden Änderungen durch die G8 nicht so gravierend, meinte die Politikerin. Auch könne man nicht von einer reellen Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre sprechen, da die 13. Jahrgangsstufe durch die Abitur-Prüfungen im Frühjahr bereits deutlich verkürzt sei. Auch sei geplant, weitere zehn Prozent der Lehrinhalte zu kürzen. Die Gefahr, dass es 2012 vor allem für Hauptschüler große Probleme auf dem Lehrstellenmarkt geben wird, weil dann zwei Jahrgänge gleichzeitig die Gymnasien verlassen, sieht die CSU-Politikerin nicht. "Die meisten Abiturienten drängen an die Unis und nicht in eine Ausbildung.

Thomas Beyer, SPD: Der Landtagsabgeordnete des Nürnberger Landes ist kein Gegner der G8 generell, kritisiert aber, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine gesicherten Erkenntnisse aus den Modellversuchen vorliegen und die Schüler, die jetzt im Herbst in die 5. Klasse der G8 eintreten, in einen "Großversuch" entlassen werden. Der SPD-Mann fordert einen einjährigen Aufschub für das Vorhaben G8. In diesem Jahr müssten sich alle Beteiligten zusammensetzen und eine praktikable Lösung erarbeiten. "Ohne die Konsultation der Eltern und Lehrer lehne ich die G8 ab", so Beyer. Der Aussage Christina Dieners, es habe im Vorfeld eine Abstimmung des Kultusministeriums mit den Bildungverbänden gegeben, widersprach Beyer, "es gab keine Abstimmung, das war einzig eine Entscheidung des Kultusministeriums".

Rüdiger Baron, Bündnis90/Grüne: Für den Grünen-Politiker ist die G8 generell machbar, die Entscheidung wie sie aussehen soll und was die Lehrpläne beinhalten, müsse aber "von unten nach oben und nicht von oben nach unten" getroffen werden. So wie sie jetzt angedacht sei, mit mehreren Nachmittagen Unterricht, aber ohne pädagogisches Gesamtkonzept, sei die G8 die "Horrorvorstellung" dessen, was die Grünen in Bayern eigentlich befürworten: Nämlich die Einführung von Ganztagsschulen, und zwar mindestens einer pro Landkreis.

Ingo Schamberger, stellvertr. bildungspolitischer Sprecher der FDP: Der FDP-Mann kritisierte, dass Gymnasiasten zu viel Spezialwissen anhäufen, während ihnen Wissen um Zusammenhänge oft fehlt. Eine Umgestaltung der Lehrinhalte, wie im Zuge der G8 angedacht, sei deshalb generell richtig. In der Form, wie sie bis jetzt in Modellversuchen liefe, sei die G8 aber eine Schulform für Hochbegabte und könne nicht auf das gesamte Schulsystem übertragen werden. Sonst käme es zu einer verstärkten Auslese. Schamberger sprach auch die Vereinsarbeit an. Diese sei, wenn an drei Nachmittagen pro Woche Unterricht sei, in Gefahr.

Engelhardt Grötsch: Der Schulleiter des CJT-Gymnasiums in Lauf sieht nur zwei Wege, wohin die Entscheidung für das G8 führt, wenn die Zahl der Unterrichtsstunden von 265, die von der Kultusministerkonferenz einst festgelegt wurde, statt auf neun auf acht Jahre verteilt wird: "Entweder die Anforderungen steigen oder die Qualität sinkt". Große Einsparpotentiale an den Inhalten des Lehrplanes sieht Grötsch nicht mehr. Der neue Lehrplan, der seit diesem Schuljahr in Kraft ist, sei nach den bisherigen Erfahrungen nicht wie behauptet, um 50 Prozent des Inhalts geschrumpft, sondern um 50 Prozent des Seitenumfangs: "Es wurden Inhalte rausgenommen und neue kamen hinzu". Den Schulleiter plagen vor allem die organisatorischen Probleme, die eine Einführung der G8 im "Hauruck-Verfahren" mit sich bringt: Statt 200 würden sich durch den Nachmittagsunterricht an manchen Tagen 500 oder 600 Schüler an der Schule tummeln, "die müssen ja irgendwie versorgt werden". Der Schulleiter fordert deshalb ebenfalls einen Aufschub der G8, "es braucht Zeit für Gespräche mit den Eltern und auch mit den Sachaufwandsträgern, das geht nicht von heute auf morgen". Als Beispiel für eine gelungene Schulreform nannte Grötsch die Einführung der Kollegstufe in den 60er Jahren. Dort seien alle Betroffenen am Entwicklungsprozess beteiligt gewesen.

Klaus Wenzel, Bayerischer Lehrer und Lehrerinnnenverband: Für den bekannten Reform-Pädagogen aus Schnaittach liegt die Schlüsselfrage in der aktuellen Debatte nicht in der Einführung der G8, sondern in der geplanten Einschulung der Kinder bereits mit 5 Jahren. Dort müsse man ansetzen und fragen, ob das sinnvoll ist und wohin der Weg gehen soll. Erst wenn dieses Fundament stehe, könne überhaupt über die G8 entschieden werden. Derzeit wird in diesem Zusammenhang für Wenzels Geschmack zu sehr "quantitativ und zu wenig qualitativ diskutiert". Auch an den Gymnasien gebe es sicher noch Lehrinhalte, die man streichen könne, diese seien, von Ausnahmen abgesehen, noch immer zu sehr Lehranstalt: "Wir brauchen aber lernende Schulen" so der Pädagoge, der sich bekanntermaßen auch dafür einsetzt, dass die Entscheidung für eine weiterführende Schule nicht schon in der 4. Klasse getroffen werden muss.

Margit Alfes, Kreisverband Nürnberger Land des Bayerischen Elternverbandes: Margit Alfes fordert wie Wenzel ein Gesamtbildungskonzept vom Kindergarten bis zum Abitur. Gleichzeitig warnt sie davor, dass Einschulalter auf fünf Jahre vorzuziehen. Umfragen im Nürnberger Land hätten ergeben, dass 90 Prozent der Eltern das nicht wollen, "wo bleibt der Elternwille"? Die Sprecherin des Elternverbandes ist ebenfalls gegen die Einführung der G8 zum jetzigen Zeitpunkt, "Kinder dürfen keine Versuchskaninchen sein".

Jonas Lanig, Gewerkschaft Erziehung und Wissen: Als "politisch unanständig" bezeichnete Lanig es, dass die CSU das Projekt G8 nach den Landtagswahlen beschlossen habe. Auch er sei nicht generell gegen das G8, fordere aber, ähnlich wie bei der Einführung der Kollegstufe, vorab eine intensive Diskussion mit allen Beteiligten. Das Argument, dass Bayern ohne die G8 bald das Schlusslicht in Deutschland sei, gelte schon deshalb nicht, weil der Freistaat jahrzehntelang ganz bewusst eine andere Schulpolitik als die meisten anderen Bundesländer gemacht habe und darauf sogar stolz gewesen sei. Sollte das also nicht richtig gewesen sein? Lanig sieht in der Entscheidung des Kultusministeriums vielmehr eine klare Entscheidung für ein "Elitegymnasium". Das bewiesen auch die Erfahrungswerte der Modellversuche mit dem G8: Nach denen würden nur noch ein Viertel der Gymnasiasten den Abschluss schaffen.

Karl-Heinz Aschenbrenner, Bayer. Philologenverband: Generell gegen die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ist der Vertreter des Philologenverbandes. Wenn der Stoff wie angekündigt tatsächlich um insgesamt 60 Prozent gekürzt werde, "was bleibt dann noch vom Gymnasium", fragt Aschenbrenner. Und wenn die Stoffmenge gleich bleibe, sei es sicher, dass künftig deutlich weniger Schüler Abitur machen. Dem Kultusministerium warf Aschenbrenner außerdem vor, eine Mogelpackung auf den Markt zu bringen: So sei zu hören, dass im Rahmen des G8 über die Einführung einer "nullten" Stunde nachgedacht wird, die vor dem eigentlichen Unterricht stattfinden soll. So wolle man den Nachmittagsunterricht begrenzen Damit hätten die Kinder bis 13 Uhr sieben Unterrichtsstunden und müssten noch früher anfangen. "Was das in ländlichen Regionen bedeuten würde, kann sich jeder vorstellen".

Stellungnahmen aller politischen und gesellschaftlichen Kräfte also an diesem Abend, die mit Ausnahme der CSU-Vertreterin allesamt die Entscheidung für das G8 als Schnellschuss beurteilen, der bei einer Einführung im Herbst zu großen Problemen führen wird. Allein es gibt keine gesicherten Erkenntnisse, wie die G8 tatsächlich aussehen wird, auch das machte die Expertenrunde am Montagabend deutlich, die der Journalist Georg Escher kompetent moderiert hatte. Viele Ängste, viele Befürchtungen und viele Gerüchte kursieren, das war auch an den Reaktionen der Eltern, Lehrer und Erzieher im Publikum zu sehen, die sich mit zahlreichen Stellungnahmen und Fragen zu Wort meldeten.

Eines war dabei klar zu erkennen: Niemand will die G8 zum kommenden Schuljahr und viele Eltern, Erzieher und Lehrer lehnen ein Vorziehen des Einschulalters auf fünf Jahre kategorisch ab. Eines der Hauptargumente: Die Einführung der G8 und das Vorziehen des Einschulalters führt dazu, dass die Kinder keine Zeit mehr haben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, weil sie nur noch mit dem Lernen von Fakten beschäftigt sind und keine Zeit für die Mitgliedschaft in einem Verein oder auch für das bloße Spielen und Nichtstun bliebt. "Die Kindheit ist doch schon so kurz", sagte eine Mutter und erntete dafür viel Beifall.

Auch Zeit zum Wiederholen von Stoff, befürchten viele Eltern, bleibt nicht mehr, wenn das G8 kommt, stattdessen müssten die Kinder, wenn sie um 16 oder 17 Uhr aus der Schule kommen, noch Hausaufgaben machen. Dass damit eine stärkere Auslese komme, sei vorhersehbar. Etliche Eltern beklagten in diesem Zusammenhang auch, dass der Druck jetzt schon so hoch sei, weil sie in der 4. Klasse eine Entscheidung für ihr Kind treffen müssen, die die gesamte weitere Entwicklung bestimmt. "Das ist viel zu früh", so eine Stimme, die viel Beifall bekam.

So also der Tenor im Auditorium, in dem es noch viele andere Sorgen gab: Die der Erzieherinnen und der Lehrer, die sich fragen, wie sie eigentlich künftig bei noch weiter steigenden Anforderungen arbeiten sollen und die der Vereine, die ihre Jugendarbeit den Bach runtergehen sollen, wenn am Nachmittag keine Treffen oder Trainings mehr möglich sind. Und doch stellen sich die meisten Betroffenen nicht stur, eine Vorschulklasse beispielsweise, könnte sich der überwiegende Teil der Abwesenden vorstellen, ebenso eine generelle Reform des Schulwesens.

Doch wie Vorschläge machen, wenn die Fakten noch nicht bekannt sind? Dennoch versuchten die Referenten am Montag, eine Art Resolution auf den Weg zu bringen, die Wege aufzeigt, wie es gehen könnte. Und die fiel wiederum ziemlich einmütig aus: Das G8 ja, aber mit mehr Vorlauf und unter Einbeziehung aller Beteiligten in die Diskussion. Keine Eliteschule für wenige, sondern Erhalt der Schule und damit der Chancen für Kinder aus allen Schichten. Und mehr Budget für die Schulen und kleinere Klasse, kurz ein Schulsystem, bei dem der Schüler im Mittelpunkt steht und nicht, wie es Thomas Beyer treffend sagte, die "ökonomisierte Bildung".

Isabel Kretz

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