G8-Protest
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Die Erlanger Nachrichten berichten am 12.1.04 über die Podiumsdiskussion mit dem Fraktionsvorsitzenden Joachim Herrmann am 8.1. in Erlangen:

Wut und offene Fragen
Diskussion über das geplante achtjährige Gymnasium

Schluss, Aus, Ende der Debatte: Mit ihrem Rundschreiben an sämtliche Schulleiter freistaatlicher Gymnasien hat sich Kultusministerin Monika Hohlmeier offenbar wenig Freunde gemacht. Ihr etwas ruppig wirkender, von oben verordneter Schlussstrich unter die Diskussion um das achtjährige Gymnasium (G 8), das schon im nächsten Schuljahr eingeführt werden soll, wirkt wie Öl ins offene Feuer. Und das entwickelt sich langsam zum Flächenbrand.

Dass die Diskussion keineswegs beendet, sondern erst richtig am Auflodern ist und leidenschaftlicher, zorniger wohl auch engagierter denn je geführt wird, das bekam der Fraktionsvorsitzende der Landtags-CSU, Joachim Herrmann, massiv zu spüren. Zusammen mit SPD-MdL Wolfgang Vogel, der Vorsitzenden des Bayerischen Elternverbandes, Ursula Walther, und Elvira Werner aus dem Vorstand der Landeselternvereinigung der Gymnasien, stellte sich der Erlanger CSU-Mann im Gymnasium Fridericianum in einer Podiumsdiskussion dem brisanten Thema.

Für Herrmann, einst selbst Schüler und Abiturient des Fridericianums, war's kein leichter Gang in die proppenvolle Aula. Zu groß der angestaute Unmut und Ärger bei Eltern, Lehrern, und Elternbeiräten. Der geballte Frust entlud sich in den oft wortreichen Beiträgen der Betroffenen. Zuweilen fehlte nicht viel und das Ganze wäre - bei aller spürbaren Contenance - zu einer heftigen Zungenschlägerei ausgeartet.

Natürlich verteidigte Herrmann die G 8-Pläne seiner Partei, bzw. der bayerischen Regierung. Das achtjährige Gymnasium sei u.a. eine Möglichkeit, die Zukunftschancen der Kinder zu verbessern, gerade mit Blick auf den Arbeitsmarkt für Akademiker im nächsten Jahrzehnt. Denn im internationalen Vergleich habe man hierzulande die ältesten Abiturienten, Hochschulabsolventen bzw. Berufseinsteiger, was sich - vor dem Hintergrund des internationalen Wettbewerbs - nachteilig auswirken könnte.

Gegen diese Begründung rührte sich gleich energischer Widerspruch aus dem Publikum. Herrmann beharrte auf seinem Standpunkt: "Fakt ist: Das Alter spielt eine Rolle bei der Einstellung - fragen Sie doch die Personalchefs", meinte er dazu. Kritiker hielten dem CSU-Politiker jedoch entgegen, dass Bildung letztlich etwas mehr sei als nur ein Ausgerichtetsein auf die ökonomische Nutzbarkeit. "Sie brauchen doch nur Volk für die Wirtschaft", empörte sich ein betroffener Vater.

Herrmann führte ferner einen gewissen Zugzwang ins Feld und wies darauf hin, dass bislang zehn der 16 Bundesländer das G 8 einführen wollen. Bayern möchte mit von der Partie sein, die Entscheidung nicht weiter hinausschieben und das G 8 auf den Weg bringen. Dass die Hohlmeier-Form dabei "nicht ganz glücklich" war, räumte Herrmann ein.

SPD-Mann Wolfgang Vogel sprach schließlich einige Punkte an, die auch vielen Zuhörern auf den Nägeln brannten. Er monierte u.a., dass nicht genügend Zeit gewesen sei, um Pro und Contra abzuwägen. "Die breite Diskussion fehlt". Auch dass nichts darüber bekannt sei, wie künftig die G 8-Lehrpläne strukturiert sind, prangerte Vogel an.

Apropos Lehrplan: Mehrere Jahre Arbeit stecken in jenem Lehrplan, der auf das neunjährige Abitur ausgelegt ist und aktuell in diesem Schuljahr in Kraft trat. Da er auch einige schon lange geforderten neue Unterrichtsmethoden miteinbezieht, wurde das Papier allgemein gutgeheißen. Jetzt scheint alles nur noch Makulatur zu sein. Davon abgesehen, wurden Zweifel laut, ob man es in der Kürze der Zeit überhaupt schaffen wird, einen sinnvollen Lehrplan für das künftige G 8-Gymnasium auf die Beine zu stellen. Wie wird dann der Schulalltag aussehen? Wird man sich an den Lehrplänen von Hamburg oder Berlin orientieren? Was bedeuten 38 Wochenstunden für die Schüler? In solchen borenden Fragen kam immer wieder die große Verunsicherung bei Eltern und Lehrern zumVorschein.

Die G 8-Pläne werden allerdings nicht generell abgelehnt und schlecht geheißen. Allein die Art und Weise, wie die Politik diese Reform eilig "übers Knie brechen" möchte, bringt die Betroffenen auf die Palme. "Die Information ist katastrophal schlecht gelaufen", sagte Ursula Walther. Ansonsten kann die Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes die Einführung des achtjährigen Gymnasiums durchaus befürworten - "aber eben nicht so schnell". Erst müssten die nötigen Voraussetzungen geschaffen und die erforderliche Infrastruktur errichtet werden wie Aufenthaltsräume, Essen- oder Hausaufgabenräume für die Schüler - "da brauchen wir immens viel Geld dafür".

Zahl der Wiederholer reduzieren

Zwischen 20 und 25 Prozent der Schüler fallen während ihrer Gymnasialzeit einmal durch. Durch diese "Ehrenrunde" kommen sie ein Jahr älter aus der Schule. Auch das ist so garnicht im Sinne der Regierung. Mit dem G8 soll auch die Zahl der Wiederholer reduziert werden. Das Zaubermittel dafür heißt "individuelle Förderung", wie Herrmann erklärte. In der Diskussion entwickelte sich dieser Terminus rasch zum Reizwort, das "ungläubiges" Wutgelächter und weitere Fragenlawinen auslöste: Wie wird das Ganze aussehen - mehr Lehrer und kleinere Klassen? Wie soll die individuelle Förderung überhaupt möglich sein, wenn wegen G8 rund 1400 Lehrerplanstellen eingespart werden sollen, warf Elvira Werner ein.

Andererseits: Eine behutsame "individuelle Förderung" hat sich auch die Landeselternvereinigung auf die Fahnen geschrieben. Nur hat sie ein anderes Verständnis davon: "Jedes Kind genau anschauen, was kann man herausholen und entfalten - da sind Sozialpädagogen nötig und anständige Räumlichkeiten", meinte Ursula Walther. Und Wolfgang Vogel rechnete seinem Landtagskollegen in Sachen "individuelle Förderung" den eklatanten Ausfall an Unterrichtsstunden vor, der zu beklagen und inzwischen fast selbstverständlich geworden ist.

Immer wieder bildete sich am Saalmikrofon eine lange Schlange. Viele wollten Angestautes loswerden, hatten konkrete Fragen und hofften auf bündige Antworten.

Herrmann dagegen betonte mehrfach, dass er vor allem "Anregungen" mitnehmen werde für die anstehenden Beratungen in seiner Landtagsfraktion. Und so sahen am Ende die Zuhörer betroffen, die Mikrofone stumm, und alle Fragen offen.

RAINER WICH
12.1.2004 0:00 MEZ

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