G8-Protest
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Nürnberger Zeitung am 24.1.2004

Heiße Sprüche gegen kalte Füße

An die 5000 Demonstranten verschafften ihrem Ärger über Bildungsabbau Luft

Lautstarker Protestzug führte von der Lorenzkirche zum Rathaus Der Protest gegen die Schulpolitik von Stadt und Freistaat hat gestern Nachmittag eine hohe Lautstärke erreicht. An die 5000 Schüler, Studenten, Lehrer und Eltern demonstrierten in der Altstadt gegen einen "Bildungskahlschlag".
Ihre Trillerpfeife gibt zwar nicht so viel her wie die fiese flache rote ihres Nachbarn, der den Umstehenden Ohrenschmerzen bereitet. Aber Rebecca Rosner tut ihr Bestes. Auf das T-Shirt über ihrem Anorak hat die Neuntklässlerin aus dem Willstätter-Gymnasium geschrieben: "Wenn ihr euch die Bildung schenkt, steht ihr da im Unterhemd." Und in der Hand hält sie ein Schild mit einem der vielen teils pikanten Reime im Plakatwald vor der Lorenzkirche. Darauf steht: "Der Freller hat 'nen Preller."
Rebecca und ihr Grüppchen Mitschülerinnen finden es "unverantwortlich" bis "anormal", dass Kultusstaatssekretär Karl Freller ausgerechnet heute Schulvertreter in seine Info-Veranstaltung zum achtjährigen Gymnasium beordert hat - exakt zeitgleich zur Demonstration. Denn die richtet sich genau gegen dieses G 8. Es sei vom Kultusministerium viel zu hektisch verordnet worden, bemängeln Schüler-, Lehrer- und Elternverbände seit Wochen. Sollte das G 8 im September bayernweit starten, befürchten sie die Überforderung der Jugendlichen. Außerdem fehlen den Schulen bislang Räume für Mittagsbetreuung und den geplanten Zusatzunterricht.
Stoiber und das G 10
Rebecca und ihre Freundinnen amüsieren sich: "Der Stoiber ist durchgefallen und war selbst ja am G 10!" Sie sind umringt, irgendwo hier tummeln sich auch ihre Eltern. Rund 5000 Menschen, schätzt die Polizei, drängen sich vor der Kirche. Nur wenige ziehen sich im Lauf der einstündigen Kundgebung zurück, obwohl die Kälte beißt.
Sieben Vertreter des Nürnberger Bildungsbündnisses rufen vom Lkw aus noch einmal ihre Standpunkte ins Mikrofon. Gegen Büchergeld, gegen Studiengebühren. Gegen den Anordnungs-Stil des Kultusministeriums, gegen Mittelkürzungen bei Jugendverbänden. Jonas Lanig, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, moderiert und heizt an: "Mit dieser Demo haben wir die Diskussion wieder eröffnet, die Ministerin Hohlmeier neulich für beendet erklärt hat!"
Die Menge jubelt und zieht schließlich durch die Peter-Vischer-Straße zum Rathaus. Die deutschlandweiten Protestmärsche von nackten Studenten im Spätherbst hatten für solche Aktionen ja hohe Maßstäbe gesetzt. Aber ausziehen will sich dann bei minus drei Grad doch niemand. Die Trauer-Kollektion der "letzten Hemden" ziehen die Demonstranten nur aus ihren Taschen. Am Fünferplatz hängen sie die bemalten Kleidungsstücke auf zwei Wäscheleinen zwischen Baum und Verkehrsschildern. Eins für die Fachhochschulen, eins für die Krippen und viele mehr.
Jonas Lanig appelliert kernig übers Megaphon an den Stadtrat, der kommende Woche in Sparklausur geht: "Macht keinen Scheiß!" Politiker-Statements will er hier gar nicht haben. Auch über die versuchte Gegendemonstration der Jungen Union können die Veranstalter nur lächeln. "Ich habe mit den drei hinterm Lkw putzig diskutiert", sagt Elternvertreterin Marianne Werzinger. Angetan war sie aber davon, dass sich SPD-Mitglieder aus Stadtrat, Land- und Bundestag blicken ließen. Also hält Moderator Jonas Lanig die Veranstaltung für eine "gelungene Riesen-Geschichte". Und Rebecca, die Neuntklässlerin, findet sie "aufschlussreich". Jetzt geht sie sich erst mal aufwärmen. Isabel Lauer

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