G8-Protest
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Frankfurter Rundschau am 23.1.04: Eilig entrümpelt Bayern die Lehrpläne

Eilig entrümpelt Bayern die Lehrpläne

Stoiber will Abitur nach zwölf Schuljahren bis 2011 / Opposition moniert "Einführung mit der Brechstange"

Edmund Stoiber hat in seiner Regierungserklärung versprochen, in Bayern bis 2011 das Abitur nach nur zwölf statt wie bisher 13 Schuljahren einzuführen. Jetzt plant das Kultusministerium hektisch die Umsetzung. VON IRIS HILBERTH

München · 22. Januar · Wenn den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) das ungute Gefühl beschleicht, irgendein Land könnte dem Freistaat mit irgendetwas zuvorkommen, dann wird in München im Eiltempo zum Überholen angesetzt. Abitur nach zwölf Jahren ? Das sollen bayerische Schüler trotz massiver Proteste von Eltern, Schülern und Lehrern schon im Jahr 2011 in der Tasche haben. Und damit noch schneller sein als die Nachbarn aus Baden-Württemberg.

Nach der Klausurtagung der CSU-Fraktion in Wildbad Kreuth war die Sache beschlossen: Vom kommenden Schuljahr an soll das achtjährige Gymnasium (G8)Wirklichkeit werden. Und: Auch die bereits 2003 in die fünfte Klasse eingeschulten Kinder sollen mit der zwölften Klasse die Hochschulreife erlangen. Für die Betroffenen kommt diese Entscheidung überraschend, hatte die Staatsregierung doch vor der Wahl noch verkündet, am neunjährigen Gymnasium festhalten zu wollen. Auch ist gerade erst - nach fünf Jahren Erarbeitung - ein neuer Lehrplan für das alte Modell in Kraft getreten.

Nun war Ministerpräsident Stoiber aber in seiner Regierungserklärung vorgeprescht und hatte die Schulzeitverkürzung angekündigt. CSU-Fraktion und Kultusministerium versuchen sie nun auf die Reihe zu bekommen und ein paar Ideen für die Umsetzung als Konzept zu verkaufen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Maget spricht von einer "konzeptlosen, überfallartigen Aktion."

Bis Februar soll über die endgültige Ausgestaltung des G8 entschieden werden. Insgesamt soll der Lehrplan, aus dem bereits 50 Prozent herausgeflogen sind, um weitere zehn Prozent entrümpelt werden. Geplant ist eine Reduzierung der Wochenstunden in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen zugunsten so genannter Intensivierungsstunden mit halber Klassenstärke. Zur stärkeren Förderung der Naturwissenschaften soll in der Unterstufe das Fach "Natur und Technik" auf dem Stundenplan stehen. Für die Oberstufe schwebt der Staatsregierung die Einführung so genannter Seminare vor, in denen die Schüler wissenschaftliches Arbeiten lernen und gezielt auf die Hochschule und die Arbeitswelt vorbereitet werden sollen.

Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) kündigte an, sie wolle an den bayerischen Gymnasien einen Dialog führen. Doch da muss sie sich sputen, will sie mit möglichst vielen reden. Ein Lehrer hat zum Beweis des "Etikettenschwindels", wie das die SPD nennt, von seinen Schülern ausrechnen lassen, dass die Ministerin bei einem 16-Stunden-Tag ohne Wochenende für die Diskussion an jeder der 300 Schulen zwei Stunden und 24 Minuten hat.

Die Opposition findet, bis Februar sei viel zu wenig Zeit, um solide Entscheidungen zu treffen, und wirft der Staatsregierung vor, nicht auf die Ergebnisse des bereits existierenden Modellversuchs zu warten. "Durch die Einführung mit der Brechstange werden die Schülerinnen und Schüler zu Versuchskaninchen gemacht", sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Margarete Bause. "Wir beschäftigen uns schließlich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema", wehrte Peter Müller, Ministerialdirigent aus dem Kultusministerium, ab. Dennoch, so die Kritiker, seien viele Fragen unbeantwortet: Wie soll der Lehrstoff auf weniger Schuljahre verteilt werden ? Gibt es Nachmittagsunterricht ? Und wer übernimmt die Kosten einer Mittagsverpflegung ?

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