G8-Protest
Rückblick auf Veranstaltungen - Bamberg
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"Fränkischer Tag"-10.1.2004

G 8-Protest auch in Bamberg

"Das ist erst der Anfang unseres Protestes", kündigten Eltern bei einer Kundgebung am 9.1.2004 in Bamberg an, als sie gegen die Einführung des achtjährigen Gymnasiums auf die Straße gingen. Rund 2500 Schüler, Eltern und Lehrer zogen in einem Sternmarsch in die Innenstadt. Sie machten ihrem Ärger in Reden und auf Transparenten wie "Jugend ver8end" und "Stoiber sei kein Freizeiträuber" Luft. Ausführlicher Bericht in unserer Bamberger Ausgabe.

G-8-Protest mobilisiert Jung und Alt

Um die 2500 Schüler, Eltern und Lehrer gehen gegen Regierungspläne auf die Straße Mit einem Sternmarsch zum Gabelmann haben etwa 2500 Schüler, Eltern und Lehrer gestern nach Unterrichtsschluss gegen eine überstürzte Einführung des achtjährigen Gymnasiums demonstriert. Mit Ratschen, Pfeifen und Sprechchören, mit Transparenten, Unterschriftenlisten und Reden untermauerten sie ihre Forderungen an die Regierung Stoibers, Kinder nicht zu "Versuchskaninchen" zu machen. von Jutta Behr-Groh

Der vom Elternbeiratsvorsitzenden des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums organisierte öffentliche Protest gegen das G 8 vereinte wie selten zuvor in Bamberg bei einer bildungspolitischen Frage Jung und Alt. Aus allen Himmelsrichtungen trafen ab etwa 13.30 Uhr unterschiedlich starke Abordnungen aus sechs der sieben Bamberger Gymnasien am Gabelmann ein. Offiziell nicht vertreten war nur das Clavius-Gymnasium, das als Einziges in der Stadt schon die Kurzform anbietet. Der CG-Chef musste sich in Abwesenheit einige kritische Worte und Fragen gefallen lassen. Warum er Personalrat, Elternbeirat und SMV die Teilnahme an der Kundgebung untersagt habe, wollte z. B. Christian Mose wissen, Personalratsvorsitzender am ETA. Er beantwortete die Frage nach dem Warum gleich selbst: "Läuft der Schulversuch G 8 an Ihrem Gymnasium am Ende auch nicht besser als an den anderen bayerischen Gymnasien?"

Schlechte Erfahrungen
Vor allem das Erdinger Beispiel wurde immer wieder angeführt zum Beweis dafür, dass die gymnasiale Kurzform viele Schüler überfordere. Agathe Kocher, stellvertretende Personalratsvorsitzende am Franz-Ludwig-Gymnasium, zitierte eine der Erdinger Erkenntnisse: "Ein durchschnittlicher Schüler, wie er in der Realität am heutigen Gymnasium vorkommt, wäre mit diesen Leistungsansprüchen selbst unter idealen Rahmenbedingungen klar überfordert." Doch von idealen Rahmenbedingungen könne in Bamberg nicht die Rede sein. Darin waren sich alle Redner einig. Es mangele an Lehrkräften und Räumen, z. B. für eine Kantine. Und am Geld. Ob Oberbürgermeister und Landrat wohl demnächst mit der Sammelbüchse durch die Fußgängerzone ziehen sollten, fragten die Schülersprecher Anne Burgis (Englisches Institut), Michael Jakubaß (ETA) und Michael Krings (FLG) unter Beifall und zustimmendem Gejohle in die Runde. Die drei warnten auch vor dem Verlust an Freizeit für die G-8-Schüler. Vieles werde auf der Strecke bleiben. Ihre Kritik und Forderungen fassten sie so zusammen:"Kein G 8 zu Beginn des kommenden Schuljahres, stattdessen gründliche Planung und sichere Fakten."

Wo bleibt freie Schulwahl?
Auch die Eltern- und Personalsratsvertreter ließen anklingen, dass man nicht grundsätzlich gegen ein achtjähriges Gymnasium ist, wohl aber gegen dessen überstürzte und konzeptionslose Einführung. Melanie Blum, Elternbeiratsvorsitzende am FLG, prangerte die Art und Weise an, wie die bayerische Staatsregierung Eltern die Wahlfreiheit zu nehmen versuche. Nur 22 Familien hätten sich im vergangenen Jahr in Bamberg für das achtjährige Gymnasium entschieden. Alle anderen wünschten sich weiterhin die neunjährige Form und würden durch die Politik quasi entmündigt. Sie warnte vor einem weiteren Zerfall der Familien, wenn mit dem G 8 erst einmal Nachmittagsunterricht und Hausaufgaben am Abend gang und gäbe seien. Dann werde die Familie "zur Tankstelle für Wäschewechsel und Essenfassen degradiert". Christian Mose, Personalratsvorsitzender am ETA, forderte die bayerische Regierung auf, die wahren Gründe für den plötzlichen Kurswechsel in ihrer Schulpolitik zu nennen. Er deutete CSU-Gedankenspiele an, wonach künftig zwei Drittel aller bayerischen Abiturienten nicht mehr aus den Gymnasien, sondern anderen Schulen, etwa aus der Realschule mit angehängter 11. Klasse, FOS, BOS u. a., kommen sollten: "Herr Ministerpräsident, gehen Ihre Pläne in diese Richtung?"

Direkt an Edmund Stoiber wandte sich auch der letzte Redner und Organisator der Veranstaltung, Heinrich Ellner, Vorsitzender des Elternbeirats am ETA. Er warnte vor einem ausgeglichenen Staatshaushalt zu Lasten der Kinder. "Dem werden wir uns auch weiterhin mit allen demokratischen Mitteln widersetzen!" Er appellierte an die Mütter und Väter, sich nicht zu scheuen, im Interesse ihrer Kinder "ihre" Abgeordneten einzuschalten und Einfluss zu nehmen auf das, was in München entschieden wird. Die Bamberger Landtagsabgeordnete Melanie Beck nahm am Schluss stellvertretend für ihre nicht anwesenden Kollegen einen ganzen Karton voll Unterschriftenlisten und Protestbriefen von Schülern, Eltern und Lehrern in Empfang.

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