G8-Protest
Rückblick auf Veranstaltungen - Bamberg
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Rede von Agathe Kocher, stellv. Personalratsvorsitzende am Franz-Ludwig-Gymnasium, Bamberg.

Protest gegen die geplante Einführung des G 8

Zitat des Maulkorberlasses, den unsere Direktoren erhalten haben und in dem sie aufgefordert wurden, uns Lehrern klarzumachen, dass wir uns gefälligst mäßigen sollen. Darin ist von "gewinnen" die Rede: Lehrer sollen dafür gewonnen werden, sich bei der Mitgestaltung der G 8 einzubringen - das tun wir durch unseren Protest, auch wenn Fr. Hohlmeier erklärt: "Die Diskussion ist beendet", sie hat erst angefangen!

Wir sollen für die Kinder den bestmöglichen Ertrag aus der G 8 gewinnen . Gewinnen?? Wer soll gewinnen? Was gewinnen wir?

Ja, die Kinder gewinnen ein Jahr, um das die Gymnasialzeit verkürzt wird. Aber dieses Jahr ist teuer erkauft.

Aus Berichten von G 8-Ländern wie Thüringen und dem Saarland wissen wir, dass ein Teil der Schüler massive Probleme bekommen wird. Es gibt Modell- Versuche in Bayern, die zT. schon 2 Jahre laufen und die ehrlich und kritisch zugeben:

  • dass trotz voll geeigneter und motivierter Schüler wegen der Stofffülle zunehmend Überlastungssymptome zeigen, und das bei kleineren Klas-sen.
  • Wahlunterricht und kreative Zusatzangebote können von den Schülern Schon in der 6. Klasse nicht mehr wahrgenommen werden, weil sie die zeitliche Belastung nicht mehr verkraftet haben.
  • Dazu:
    5.Kl: 32 Wochenstunden (=1 Pflichtnachmittag)
    6.-8.: 2 Pflichtnachmittage
    9.+10.: 3 Pflichtnachmittage
    wobei an den Nachmittagen neben Fachunterricht die Intensivierungs- stunden in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch, Englisch/Latein statt- finden. Hier haben sich signifikante Konzentrationsstörungen gezeigt: Machen Sie als Erwachsener doch mal eine Fortbildung mit 32 Stunden und erleben sie, wie nachmittags ihre Leistungskurve absinkt.

    Für die Kinder kommt noch dazu, dass sie heimkommen und mindestens Einen Teil ihrer Hausaufgaben machen müssen und sich evtl. auf Schul- aufgaben und Exen noch besonders lernen müssen. Aber: geistige Auf- nahmefähigkeit lässt sich doch nicht erzwingen.

Ich zitiere (Gymnasium Erding):

"Sehr viele Schüler, die zur Zeit in der G 9 gerade noch zurechtkommen, werden zu Wiederholern oder müssen die Schule verlassen.

Die Schüler unserer G 8-Klassen befinden sich, obwohl sie gymnasial voll geeignet sind, am Limit ihrer Leistungsfähigkeit.

Ein durchschnittlicher Schüler, wie er in der Realität am heutigen Gymnasium vorkommt, wäre mit diesen Leistungsansprüchen selbst unter idealen Rahmenbedingungen klar überfordert."

Es hat sich zB auch gezeigt, dass 6.Klässer der G8, trotz Intensivierungsstunden, für gleiche Stoffe deutlich mehr Zeit benötigten als 7.Klässer der G 9 - Gehirnreife lässt sich nicht vorverlegen.

Um nochmals auf den Gewinn des einen Jahreszurückzukommen: Mit der G 9 können unsere Abiturienten direkt das Studium beginnen. In fast allen Ländern mit G 8 sind Aufnahmprüfungen oder verpflichtende Vorberei-tungszeiten erforderlich, die diese Zeitersparnis wieder aufheben. Außerdem wurde nachgewiesen, dass Studenten aus Bundesländern mit der G 8 häufiger im Studium scheitern.

Daher haben wir massive Bedenken, dass sich die Aussage von H. Stoiber bewahrheitet, wenn er sagt, dass die Qualität der bay. Gymnasien erhalten wird. Waren wir denn nicht in der Pisa-Studie vorne, und Fr. Hohlmeier hat daher vor noch nicht allzu langer Zeit keine Veranlassung gesehen, an unserem bewährten Gymnasien etwas zu ändern. Aber was interessieren sie schon ihre Worte von gestern!

Um klarzustellen:

Wir sind nicht grundsätzlich gegen die G8. Aber wir sind gegen die flächen- deckende Einführung an allen Gymnasien Bayerns, die den Eltern die4 Wahlmöglichkeit nimmt. Nicht umsonst haben sich von den 5-6 Eingangs-klassen am Clavius nur 22 Schüler/innen für die G 8 entschieden. Wir fordern Wahlfreiheit für die Eltern und ihre Kinder.

Aber wenn die G 8 nicht mehr zu verhindern ist, müssen wir unsere Forderun-gen dort konzentrieren, wo noch etwas erstritten werden kann und wo wir Fehl-

Entwicklungen gegensteuern können. Und da kommt uns wahrscheinlich sogar zugute, dass das Kultusministerium noch kein durchdachtes Konzept hat - ange- dacht wohl - aber noch lange nicht durchdacht!

Wir fordern als Allerdringlichstes:

  • Eine wirkliche Reduzierung des Stoffes, damit die Intensivierungsstunden auch tatsächlich zum Einüben und Verfestigen des Stoffes für die durch- schnittlich Begabten und "Spätentwickler" da sind Fr. Hohlmeier hat beim jetzigen Lehrplan von einer Reduzierung von 50% gesprochen: 20 % waren es, wenn's hochkommt! Aber immerhin, weiter so, Fr. Hohlmeier, sie sind auf dem richtigen Weg!
  • Kleine Lerngruppen:
    Die Teilung der Klassen in den Intensivierungsstunden mit parallel laufen- Den Gruppen ist ja ein guter Ansatz, nur brauchen wir mehr Geld. Es darf nicht an Bildung gespart werden! Und es tut weh zu sehen, dass für die Entwicklung des jetzigen neuen Lehr- plans, den wir schon wieder in den Müll werfen können, Millionen ausgege- ben wurden - Geld, das wir dringend brauchen!
  • Für die geteilten Gruppen brauchen wir mehr Lehrer. Viele von uns engagieren sich in verschiedensten Projekten ohne zusätzliche Bezahlung und arbeiten am Leistungslimit. Stellen sie jetzt endlich mehr Lehrer ein!
  • Machen sie Geld locker, damit wir an den Schulen Ruheräume und Kantinen einrichten können und die Kinder in der ¾ Std. Mittagspause vor dem Nach-mittagsunterricht nicht zu Mc Donalds stürmen, um etwas Warmes zwischen die Zähne zu bekommen.
  • Für ein Problem sehen wir allerdings beim besten Willen keine Lösung: Wir haben nicht genügend Räume, um die ganzen Gruppen eines G 8-Gymnasiums am Nachmittag unterzubringen (auch die 22 Räume am Cla- vius können doch bei Weitem nicht ausreichen!). Aber solche Probleme haben die Schulen, nach aussage von Fr. Hohlmeier, selbst zu lösen.

Zum Schluss:

Der Spruch "Wir können ja doch nichts mehr machen" ist falsch. Wir können noch Einfluss nehmen. Daher müssen unsere Abgeordneten bei den nächsten Treffen der CSU unseren Protest und unsere Forderungen weitergeben. Ich glaube, bei dem jetzigen Stand der Dinge wäre bei ihrem Scheitern ein Volksbegehren angebracht. << Zurück zur Rückblick-Übersichtsseite