G8-Protest
Rückblick auf Veranstaltungen - Bamberg
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Rede von Christian Mose, Personalratsvorsitzender am E.T.A.Hoffmann-Gymnasium, Bamberg.

Ganz herzliche Grüße an die Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer des Clavius-Gymnasiums, die sich von der restriktiven Haltung ihres Schulleiters nicht haben abschrecken lassen und durch ihr Kommen ihre Meinung zum Thema verpflichtendes G8 zum Ausdruck bringen. Herr Schmitt, warum die Maulkörbe für die demokratisch gewählten Gremien Personalrat, Elternbeirat und SMV? Läuft der Schulversuch G8 an Ihrem Gymnasium am Ende auch nicht besser als an den anderen bayrischen Gymnasien? Nehmen Sie sich ein Beispiel am Gymnasium Erding, das seine positiven wie negativen Erfahrungen mit den G8-Modellklassen ungeschönt ins Internet stellt. (www.gymnasium-erding.de).

Diese Erfahrungen bestätigen allerdings unsere Befürchtungen weitgehend: Überforderte Schülerinnen und Schüler, starker Rückgang der Wahlfächer, Konzentrationsstörungen in den Nachmittagsstunden etc. etc. und dies bei besonders geeigneten Schülern.

Nach der Kultusministeriellen Bekanntmachung vom 31.5.2002 zum Schulversuch G8 wurde dieser auf eine Laufzeit von 10 Jahren ausgelegt, um 2 Abiturientenjahrgänge in die Auswertung einbeziehen zu können. Klingt vernünftig! Auch die Begründung: Zitat:"Begabung und Lernverhalten unserer Schüler sind sehr unterschiedlich. Dieser Vielfalt soll in Bayern Rechnung getragen werden durch ein differenziertes Angebot an Schulzeitmodellen. Bayerische Schüler sollen in Zukunft wählen können zwischen den neunjährigen Gymnasien wie bisher und einem neuen achtjährigen Gymnasium, das es in zwei Formen geben wird, nämlich dem G8 in Normalform ... und dem G8 als Ganztagsschule." Beide G8-Modelle seien so konzipiert, dass alle Schüler, die uneingeschränkt für das Gymnasium geeignet und bereit und in der Lage sind , einen höheren wöchentlichen Lernaudwand auf sich zu nehmen, das Abitur ohne Qualitätsverlust bereits nach 8 Jahren erreichen könnten. Also nur für eine kleine Gruppe und nicht für alle Gymnasiasten.

Warum aber jetzt, nach weniger als 2 Jahern, der rational nicht nachvollziehbare Politikwechsel zum Zwangs-G8? Die Kinder haben sich nicht geändert, die Rahmenbedingungen auch nicht. Das G8 wird auch nicht billiger als das G9 und nach den Ergebnissen der PISA-Studie hat gerade das neunjährige bayerische Gymnasium noch am besten abgeschnitten. Antworten auf diese Widersprüche sind uns bisher sowohl der Ministerpräsident als auch die Kultusministerin schuldig geblieben.

Aus CSU-Kreisen durchsickernde Gedankenspiele, dass zukünftig nur noch ein Drittel aller Abiturienten aus dem G8 kommen sollen, die restlichen zwei Drittel aus der Realschule mit angehängter 11. Klasse, der FOS, BOS u.a., weisen da schon eher den Weg. Herr Ministerpräsident, gehen Ihre Pläne in diese Richtung? Spielen Sie im Interesse der Kinder mit offenen Karten!

Sie führen so gerne die Ergebnisse der PISA-Studie als Argument für das G8 an. Dann sollten Sie aber auch zur Kenntnis nehmen, dass in den Ländern, die bei PISA weit vor uns liegen, die Schule und vor allem die Lehrerinnen und Lehrer einen ganz anderen Stellenwert haben. Anstatt Ihre Beamten gegen ungerechtfertigte Pauschalverurteilungen in der Öffentlichkeit in Schutz zu nehmen, wie es Ihre Fürsorgepflicht als oberster Dienstherr gebietet, lassen Sie uns im Regen stehen und stärken somit indirekt das gerne benutzte Bild der faulen Säcke, die einen sehr gut bezahlten Halbtagsjob haben. Ein Bild das im oft als Vorbild herangezogenen Finland undenkbar wäre. Aus meiner 25-jährigen Erfahrung als Lehrer weiß ich, dass die große Mehrheit aller Lehrerinnen und Lehrer den Beruf als Berufung sieht und sich mit einem für Außenstehende kaum nachvollziehbarem Engagement für die ihnen anvertrauten Kinder einsetzt. Bei einer realen Arbeitszeit von oft weit über 50 Stunden pro Woche, weitgehend selbst bezahlten Klassen- und Studienfahrten, Skikursen und Exkursionen, freiwilligen Klassenabenden, Lesenächten, zusätzlichen, unbezahlten Theater- und Orchesterproben, Trainingseinheiten für Sportwettkämpfe, etc., klingt eine von Frau Hohlmeier angedrohte 40-Stunden-Woche "auch für Lehrer" wie ein unpassender Scherz. Populistische Forderungen nach Präsenznachmittagen zum Nachweis genügender Anwesenheit an der Arbeitsstätte setzen dem Ganzen noch die Krone auf. Treffen werden die angekdrohten Maßnahmen gerade die sehr engagierten Pädagogen zum Schaden für die Kinder. Realität ist, dass Lehrkräfte schon jetzt an ihrer Belastungsgrenze arbeiten und die Zahl der darauf beruhenden, schwerwiegenden Erkrankungen zunimmt. Jedes Mehr an Arbeitszeit, jede weggenommene Anrechnungsstunde für zeitintensive Zusatztätigkeiten muss ein Zurückfahren der angesprochenen freiwilligen Aktivitäten oder eine unzureichende Unterrichtsvorbereitung zur Folge haben. Schlechterer Unterricht oder geringeres Engagement im außerunterrichtlichen Bereich kann doch nicht als Preis für eine ehrgeizige Reform in Kauf genommen werden! Und wer es bisher verstanden hat, mit möglichst wenig Arbeitseinsatz durchzukommen, der wird sich auch durch eine pauschal verlängerte Arbeitszeit und Präsenznachmittage nicht von seiner Einstellung abbringen lassen. Ich fürchte, die Zahl der sich frustiert Zurückziehenden wird sogar dramatisch zunehmen.

Herr Ministerpräsident, viele Kinder, Eltern und Lehrer sind offen für eine Reform des Gymnasiums, aber mit Bedacht und einem schlüssigen pädagogischen Konzept. Die gerade erst fertig gestellten neuen Lehrpläne wurden nach Aussage von Mitarbeitern ausdrücklich für das G9 konzipiert, nicht für das G8. Niemand versteht die Hektik mit der Sie das G8 wider vieler wohlbegründeter Einwände durchpeitschen wollen. Bleiben Sie bei Ihrem differenzierten Angebot an Schulzeitmodellen aus dem Jahr 2002. Warten Sie eine gründliche die Auswertung des laufenden G8-Schulversuchs ab. Verehrte anwesende Mandatsträger, haben Sie den Mut, sich gegen das Zwangs-G8 zu stellen und mit uns Lehrern, Eltern und Schülern an einer verträglichen Anpassung des Schulsystems an die Anforderungen der sich ändernden Gesellschaft zu arbeiten. Im Zentrum aller Überlegungen dürfen aber nicht die kurzsichtigen Interessen der Industrie stehen, sondern das Wohl der Kinder.

Kinder sind geduldig, aber als Versuchskaninchen für unausgegorene Reformideen viel zu schade!

Ich glaube, bei dem jetzigen Stand der Dinge wäre bei ihrem Scheitern ein Volksbegehren angebracht. << Zurück zur Rückblick-Übersichtsseite